2005/2006 16. Spieltag: Kickers Emden - FC Carl Zeiss Jena 1:2

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Spieldaten
Wettbewerb Regionalliga, 16. Spieltag
Saison 2005/2006, Hinrunde
Ansetzung Kickers Emden - FCC
Ort Embdena-Stadion in Emden
Zeit 05.11.2005, 14:00 Uhr
Zuschauer 1.850
Schiedsrichter Karl-Markus Schumacher (Oberhausen)
Ergebnis 1:2 (1:0)
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Emden
Sven Hoffmeister
Dennis Ewert, Jasmin Spahic, Mario Neunaber, Sebastian Gundelach
Massimo Cannizzaro (67. Alexander Gröger), Markus Unger, Oliver Glöden (Gelbrote Karte.gif, 65.), Andreas NägeleinGelbe Karte.gif
Hannes Wilking (86. John van Buskirk), Velimir Grgic

Trainer: Marc Fascher


Jena
Christian PersonGelbe Karte.gif
Krzysztof KowalikGelbe Karte.gif, Holger HasseGelbe Karte.gif, Faruk Hujdurovic
Tobias Werner, Ronny Thielemann (60. Felix Holzner), Ralf Schmidt, Torsten Ziegner, Alexander Maul (79. Fiete Sykora)
Mark Zimmermann (46. Kais Manai), Sebastian Hähnge

Trainer: Heiko Weber

Spielbericht

Auswärtsfans wissen es: Das Spiel ist nichts ohne die Fahrt – die Fahrt ist nichts ohne das Spiel. Angesichts einer Wegstrecke von gut 450 Kilometern bis zum Kickers-Ground gebot es sich von selbst, dass ich bezüglich der Tourplanung etwas mehr Sorgfalt an den Tag legte als jüngst bei der Rückfahrt vom Derby, wo mir die Erfahrung zuteil wurde, wie kuschelig es doch auf der Rückbank eines Golfs zugehen kann, wenn man diese mit zwei anderen Fans teilt, deren Hinterteile der Volksmund gemeinhin mit dem Begriff „gebärfreudiges Becken“ beschreibt. So bestand ich diesmal auf einem Separee in Reihe zwei, um dort gedankenverloren an meinem Bier nippen zu können und bei Bedarf einen Aperçu einzustreuen, wenn sich die Konversation meiner Mitfahrer gelegentlich im Trivialen verlor.

Derart meinen Ruf als sympatischer Zeitgenosse festigend erreichten wir Emden so früh, dass sich noch Gelegenheit fand, die nähere Umgebung des Kickers-Stadions zu erkunden. Dabei fiel auf, dass der Ground wohl nicht in einer besseren Gegend der Stadt liegt, denn direkt gegenüber des Haupteingangs befand sich eine Ladenzeile mit dem wenig wohlklingenden Namen „Erfurter Straße“. Mir krampfte sich das Herz zusammen eingedenk der Ärmsten der Armen, die an einem Wege zu wohnen genötigt sind, der sich auf jenen verwunschenen Flecken bezieht, welcher wie ein Pfahl im Fleische Thüringens steckt. Wie zum Hohn der durch den Straßennamen ohnehin schon Stigmatisierten bog dann noch ein BMW mit Düsseldorfer Kennzeichen ein in die Richtung Stadion, am Steuer ein Regionalligatrainer auf Beobachtungstour, der schon zu DDR-Oberligazeiten als Heino vom Steigerwald die Allgegenwart des Bösen und Hässlichen bezeugte. Ein schlimmer Tag für Emden!

Nach diesem Horror strömte ich schnurstracks dem Fanblock entgegen, zu schauen, wer denn noch so alles außer mir bekloppt genug sei, für 90 Minuten Drittligafußball einen ganzen Tag zu verbraten: Gysi nebst seiner Holden, die Phrasenschweine, Steffen aus Zeulenroda, Fausti aus Weimar, „100:0“-Jörg und jene Jena-Fans aus Elsterwerda vom Fanclub „Peter Ducke“, die wohl den weitesten Anreiseweg hinter sich hatten; kurzum ein gut Teil derer, die man aus dem hiesigen Forum kennt. Die Anwesenheit von Johannes oder seiner Durchlaucht aus Hainichen samt seines Hofstaates extra zu erwähnen, wäre an dieser Stelle sicher eben so überflüssig, wie der Hinweis, zwischen meinem alter ego Gunner und mir gäbe es auch nur marginale inhaltliche Differenzen in der Sicht auf den Jenaer Fußball, und so weissagten wir einander, dass es nach dem Derbysieg-gekrönten Goldenen Oktober des FC Carl Zeiss nun kalter Herbst werden würde bei Thüringens Fußballnummer eins und das Spiel in Friesland wie berufen dafür sei, uns Fans wieder vor Augen zu führen, dass jede Serie irgendwann ein Ende findet und Jena (noch) nicht die Klasse hat, ernsthaft um den Aufstieg mitzuspielen.

Webers Mannen legten sich vom Anpfiff weg ins Zeug, diese, meine Erwartungshaltung nicht zu torpedieren. Schlampig im Aufbauspiel und unmotiviert bei den Zweikämpfen ließ man die Gastgeber gewähren. Deren Offensivspieler hätten zwar wenig Chancen, selbst bei einem Grundschul-Workshop in der AG „Kreatives Gestalten“ mitwirken zu dürfen, doch das mussten sie auch nicht, denn für die überraschenden Momente im Spiel sorgte der FC Carl Zeiss in der Person Ronny Thielemanns, der mit seinem Klopps im Mittelfeld zum spiritus rector der ersten und einzigen Kickers-Großchance wurde, als der Emder Grgic frei durch lief und Kowalik dem Kickersstürmer hinterher rumpelnd genau in dem Moment die Sense ausfuhr, wo sich Grgic mit einem kühnen Satz über die Demarkationslinie in den Sechzehner retten wollte. Das anschließende 1:0 per Strafstoß hätte Hujdurovic ein paar Minuten später fast per Flugkopfball egalisiert, aber irgendwie schien die Linienrichterin an ein ehernes Gesetz zu glauben, dass es zur Erzielung eines regulären Gästetreffers im Emsland ortstypischer Sportbekleidung bedarf und Faruk war weder in Ostfriesennerz noch Gummistiefel gewandet.

Aber immerhin wussten Ziege und Co. jetzt offensichtlich schon mal, wo das Tor steht. Zumindest die Richtung stimmte, man gewann ab der 30. Minute die Feldüberlegenheit, worauf sich Kickers Emden einen Stil zu eigen machte, mit dem sich Preußen Münster bei seinem Auftritt im EAS vor einigen Wochen in die Herzen aller Catenaccio-Verehrer spielte. Nicht nur deshalb sah ich mich eingedenk der damaligen Jenaer Heimpleite kaum genötigt, von meinem Tipp abzugehen, dass der FCC dieses Match vergeigen werde, sondern auch, weil das Jenaer Aufbauspiel unter längst überwunden geglaubten Schwächen litt, denn um die Emder Abwehr wirklich bezwingen zu können, hätten Webers Mannen schon so behände mit dem Ball umgehen müssen wie Olaf-MD mit jenem Tablett Bier, das unablässig zwischen Getränkestand und Fanblock kreiste, damit wir unser Anspruchsniveau wenigstens etwas nach unten saufen konnten, denn eines war mir im 24. Jahr meiner Auswärtsfahrerkarriere klar: Eher würde bei den Ostfriesen die Erkenntnis reifen, dass man aus Hopfen nicht nur Jever-Pils, sondern auch Bier brauen kann; als dass das Unglaubliche einträte und für Blaugelbweiß in diesem Match ein Tor fiele.

Doch ich sollte mich auf wundervolle Art irren, wofür zwei Dinge maßgeblich waren. Zum einen brachte Benno Weber nach einer knappen Stunde Holzner für den indisponierten Thielemann und Jenas Youngster sollte die Kickers-Abwehr fortan gehörig beschäftigen. Zum anderen erwiesen sich die Emder als nette Gastgeber und wollten nach dem Thielemann-Klopps aus der 15. Minute nicht als Knauser dastehen, und so entschloss sich ihr Kapitän Oliver Klöden nach einer Holzner-Flanke kurzerhand, im eigenen Sechzehner ein Bewerbertraining für ein Vorstellungsgespräch beim THW Kiel oder der SG Flensburg-Handewitt zu absolvieren. Er bestand mit Bravour, und da er in der ersten Hälfte schon mal für einen Zweikampf der Marke „friesisch-herb“ Gelb gesehen hatte, war nun Gelb-Rot fällig und er musste sich alsdann wie ein Bettnässer mit hängenden Schultern vom Felde trollen und von außen hilflos zusehen, wie es für Jena Handelfmeter gab.

Als Ziege sich den Ball wie ein echter Kapitän entschlossen schnappte und nach minutenlangen Diskussionen schließlich souverän verwandelte, kippte die Partie. Die Emder hatten mit Glöden nicht irgendeinen Akteur sondern ihr Alpha-Tierchen verloren. Selbst wenn der Olli offensiv noch nichts von seiner sprichwörtlichen Geschmeidigkeit eingebüßt hat, mit der er einst das Erfurter Angriffsspiel bereicherte; defensiv war der Kickers-Kapitän bis dato eine Bank und verfügte mit seiner Kopfballstärke und Resolutheit genau über jene Qualitäten, die nötig sind, um ein 1:0 über die Zeit zu münstern. Mit einem 1:1 wäre ich nach dem bisherigen Spielverlauf schon hoch zufrieden gewesen. Die Jenaer Spieler waren es indes nicht, allen voran nicht unser Kapitän Torsten Ziegner, der sicherlich schon bessere Matches bot als am Samstag, der sich aber nach einer durchwachsenen ersten Hälfte nicht nur selbst deutlich steigerte, sondern auch seine Mannschaftskameraden und die Jena-Fans mitriss. Der FCC nun mit Dauerdruck die Gastgeber an deren Strafraum einschnürend, jedoch noch, wie bei Werners Schuss (71.), ohne das letzte Quentchen Präzision, um den Emder Deich so aufzuweichen, dass er schließlich bricht.

Aber dann brachte Weber Sykora und mit diesem kehrte die Erinnerung zurück an Fietes wundervolles Kopfballtor in der Nachspielzeit zum 2:2-Ausgleich in Osnabrück. Und als es dann drei Minuten nach Sykoras Einwechslung ein Foul an der Grenze des Emder Strafraums gab, sahen Andinho, Olaf-MD, Stopsle, MS007 und ich den Augenblick gekommen, den fiepsigen Stimmen der Horda Entlastung zu verschaffen (Ungeachtet meines Spottes: Wieder Klassesupport von Euch!) und so tönte es aus unserer Ecke vor der Ausführung des Freistoßes mit der brachialen Gewalt eines Donkosakenchores: „FIETE! FIETE!“ Der Rest lief ab wie in Zeitlupe: Ziege zog den Ball mit Effet in Richtung Elfmeterpunkt, genau dorthin, wo der zuvor von uns Besungene stand, und Fiete schraubte sich hoch, nahm den Kopf zurück, um ihn dann vorschnellen zu lassen, als das Leder von außen rein schwirrte, und schmetterte den Ball unter die Latte. Erst als Emdens Keeper wieder die Pille aus dem Kasten kramte, schaltete ich auf Realtime um und feierte mit meinen Nebenleute so ausgelassen, wie Jenas Joker zuvor in eine Regenpfütze vorm Gästeblock gesprungen war, bevor ihn seine Spielerkollegen unter sich begruben. Das Unglaubliche war wirklich geworden und da es entgegen meiner Erwartung keine halbstündige Extratime gab, musste ich meine Energie in den letzten Spielminuten nicht fürs Fingernägelkauen vergeuden, sondern konnte meine ganze Kraft darauf verwenden, mich nach dem pünktlichen Schlusspfiff mit Gunner und anderen um das Copyright zu balgen für den Satz: „Wer solche Spiele gewinnt, der kann auch aufsteigen!“

Vor wenigen Wochen hätte ich mir derartige Gedanken strikt verboten, zeigten doch vor allem die ersten Heimspiele, dass es Jena schlicht und einfach noch spielerischer Klasse mangelt, um trotz zum Teil drückender Feldüberlegenheit gegen taktisch klug agierende Gegner zum Erfolg zu kommen. Mittlerweile werde ich bei der Aufstiegsfrage etwas wankelmütig, denn der FCC scheint mir in den letzten Wochen ungemein gereift. Man agiert cleverer und hat an mentaler Stärke gewonnen. Außerdem erweisen sich auf einmal Akteure als Stütze der Mannschaft, denen ich nur eine Rolle am Rande zu getraut hätte. Wann war ein Kowalik je so stark wie im Derby gegen Erfurt? Wer von uns hat noch ein ungutes Gefühl, wenn statt Thielemann der junge Holzner spielt? Hier hat die Mannschaft eine wunderbare Entwicklung genommen, hier ist ein Teamgeist entstanden, den man braucht, um solch ein, eigentlich schon verlorenes, Match noch zu drehen. Es war ein Grottenkick am Samstag – und trotzdem war es für mich guter, weil ehrlicher Fußball, denn diese Jenaer Mannschaft hat in Emden ,nach einer völlig verkorksten ersten Halbzeit, Charakter gezeigt und einen leidenschaftlichen Fight geboten. Wer die Fahrt ins Friesland antrat, um seinen Hunger nach schön herausgespielten Chancen und Klassekombinationen zu stillen, hätte sich in der Vorwoche den Wanst vollhauen müssen. In Emden gab es nur Gras zu fressen, und das tat die Mannschaft, allen voran ihr Kapitän, dessen Spiel zwar die genialen Momente des Derbys fehlten, der dies aber mit unbändigem, sein Team mitreißendem Siegeswillen wieder wett machte. Das war Fußball, wie ich ihn liebe!

Entsprechend ausgelassen feierten Fans und Spieler nach Abpfiff das 2:1 mit einem Uffta. Die Tour hatte sich gelohnt, das Bier rann durch krächzende Kehlen und nachdem ich meine Tagesration ausgesoffen hatte, genügte ein Dackelblick in Richtung Fausti (Noch 'ne schöne Paaarty bei Willi in Aurich gehabt?), um mit drei frischen Radebergern meinen Vitaminhaushalt für die Rückfahrt gedeckt zu haben. So gebärdete ich mich dann mit 'ner Buddel in der Hand weiter so, wie es meinem gefühlten Lebensalter von cirka 12 Jahren entspricht. Das entging wohl auch nicht der auf dem Parkplatz umher lungernden Emder Polizei, die durch mein spätpupertäres Verhalten scheinbar auf die Idee gebracht wurde, unser Auto nach einigen hundert Metern anzuhalten, um den Fahrer blasen zu lassen. Doch dieser war nur trunken von jener Freude, die wir hoffentlich auch nach dem Spitzenspiel gegen Lübeck gemeinsam teilen können. Also: Auf geht's, Jena! Wir haben noch lange nicht genug!


--Al Knutone 15:14, 7. Nov. 2005