1960 12. Spieltag: ASK Vorwärts Berlin - SC Motor Jena 0:3

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Spieldaten
Wettbewerb DDR-Oberliga, 12. Spieltag
Saison Saison 1960, Hinrunde
Ansetzung ASK Vorwärts Berlin - SC Motor Jena
Ort Walter-Ulbricht-Stadion in Berlin
Zeit So. 26.06.1960 16:00 Uhr
Zuschauer 5.000
Schiedsrichter Bergmann (Hildburghausen)
Ergebnis 0:3 (0:2)
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
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Berlin
Horst Jaschke (46. Karl-Heinz Spickenagel)
Peter Kalinke, Hans Kiupel, Dieter Krampe, Norbert Herrmann, Gerhard Reichelt, Rainer Nachtigall, Lothar Meyer, Gerhard Vogt (46. Günter Riese), Jürgen Nöldner, Günther Wirth

Trainer: Harald Seeger

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
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Jena
Wolfgang Brünner
Hans-Joachim Otto, Heinz Marx, Hilmar Ahnert, Hans Graupe, Siegfried Woitzat, Roland Ducke (68. Helmut Müller), Peter Ducke, Horst Kirsch, Klaus Gablick, Walter Eglmeyer

Trainer: Georg Buschner

Spielbericht

Verlieren schon, ASK - aber nicht so!

Die erste Heimniederlage des ASK Vorwärts hatte nur einen Lichtpunkt: Das kluge Spiel Jenas!

"Der Ball ist rund", sagt ein altes Fußball-Sprichwort. Es ist gut, daß "er rund ist", also auch gut, daß es Mannschaften gibt, die trotz zugegebener Klasse unerwartet einmal ein Spiel verlieren. Unerwartet nach seinen letzten klaren Erfolgen traf es dieses Mal den ASK Vorwärts Berlin bei seinem Punktspiel auf eigenem Platz gegen SC Motor Jena. Die trotz der fast unerträglichen Hitze gekommenen 5000 treuen Anhänger des ASK haderten aber mit ihrer Elf, sie haderten sicherlich weniger deshalb, weil der Tabellenführer verlor, sondern ihnen gefiel einfach nicht, wie er verlor. Und um das Wie geht es. Zu keiner Phase des Kampfes atmete des Vorwärts-Spiel die Zügigkeit (lies schnelles und direktes Abspiel) der letzten erfolgreichen Treffen. Sicherlich, Jena hatte eine klug gestaffelte Abwehr aufgebaut, stürmte mit drei Spitzen, verstand es dazu, den Ball konsequent in den eigenen Reihen zu halten und war im richtigen Augenblick auch mit fünf Stürmern gefährlich. Das Spiel aus der Tiefe des Raumes, die steilen und langen Pässe überbrückten das Mittelfeld schnell und konsequent, offenbarte dazu die enorme Schnelligkeit von Kirsch, den beiden Duckes und Eglmeyer. Und deshalb waren diese torgefährlichen Spitzen so spielentscheidend, weil der ASK nicht hart genug am Mann klebte, weil diese Deckung den Jenaer Stürmern zu viel Raum gab. Dazu rückte die Abwehr des Vizemeisters zu weit auf, machte das Spiel der Berliner immer enger. Die Bälle wurden in der Mehrzahl zu hoch in den Strafraum geschlagen, wo sie eine sichere Beute der guten Abwehr wurden, die dazu verhältnismäßig leichtes Spiel hatte.

So wie das Spiel lief, gewannen die Gäste verdient. Sie hielten sich genau an ihr Konzept, waren außerordentlich diszipliniert und dazu sehr einsatzfreudig.

Doch zum ASK gibt es noch einige Worte zu sagen: Ich verstand schon vor dem Spiel nicht, daß die in letzter Zeit so erfolgreiche Mannschaft auf drei Posten geändert wurde. Zum Experimentieren wäre doch in der Übergangszeit zur 2. Halbserie Zeit. Wenn man Kohle, Spickenagel (es liegt mir fern, etwa Jaschke die Schuld an den beiden ersten Treffern zuzuschieben, aber Spickenagel kann seine Abwehr doch wohl besser dirigieren, weil er eingespielter mit ihr ist) und Riese plötzlich aus der Elf nimmt, dazu die Taktik (Meyer nicht mehr zurückgezogener Mittelstürmer) ändert, dann muß sich zwangsläufig auch die Spielanlage verändern. Und so war es: Wir sahen fast überhaupt keine Flügelsprints, wir vermißten die weiten Pässe Lothar Meyers aus dem Spiel gegen Wismut, die Nachtigall und Kohle immer wieder auf die Reise schickten. Wir erkannten dazu, daß im Mittelfeld viel zu lange der Ball gehalten wurde, weil eben der Anspielpunkt Meyer seltener in Aktion trat, weil sein Direktspiel in diesem Innensturm nicht so zur Geltung kam. Dabei war Nöldner wieder sehr agil, aber er pendelte viel weniger auf die Flügel, fand nicht die Einstellung zu seinen Nebenleuten wie zuletzt.

Nichts gegen Vogt, Jaschke, auch nichts gegen Wirth - auch wenn er abermals enttäuschte, weil er zu blind kombinierte -, sie alle haben oft genug bewiesen, daß sie den Spielern der "erfolgreichen Elf der letzten Spiele gegenüber" individuell nicht schwächer sind, aber hat ihr plötzlicher Einsatz nicht doch die so wichtige Homogenität der Mannschaft in einem Augenblick gestört, als die eingespielte Elf drauf und dran war, den ASK zum souveränen Meisterschaftsfavoriten zu stempeln? Ich möchte diese Frage rückhaltlos bejahen und weiß mich einig mit vielen angesehenen Experten, die mir das nach dem Spiel bestätigten. Ganz abgesehen davon, daß die Umbesetzung der Mannschaft sich psychologisch nachteilig auswirken mußte, so wie wir es schon einmal erlebten, als der ASK im Schlußfinale der letztjährigen Meisterschaft ebenfalls nach den so trefflichen "Wölfe-Spielen" nach meiner Meinung unnötig experimentierte.

Der ASK braucht den Kopf nicht hängen zu lassen, aber er muß auch wissen, daß man von einer hochbegabten Mannschaft verlangen kann, daß sie - einmal in Rückstand geraten - Mittel findet und Persönlichkeiten entwickelt, die ein Spiel trotzdem aus dem Feuer reißen können. Erst wenn das gelingt, kann aus dem ASK eine Klasse-Elf werden. Die Niederlage gegen Jena aber zeigte auch, daß der SC Motor besser ist als seine Tabellenposition, daß hier eine junge Mannschaft sich formt, die zu berechtigten Hoffnungen Anlaß gibt, weil das technische Rüstzeug über dem Durchschnitt liegt, weil die körperliche Bereitschaft und Athletik erstaunlich hoch zu werten sind. Ich sah Jena seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder. Ich möchte sagen: Diese Elf hat eine gute Zukunft, wenn sie so weiter arbeitet und spielt!

(Hermann Gehne in "Die Neue Fußballwoche" vom 28. Juni 1960)

Jung an Jahren: Jena!

Zahlen trügen mitunter! Oder ist es kein Trugschluß, wenn man aus dem Eckenverhältnis beim Spiel ASK Vorwärts gegen den SC Motor von 13:1 für die Berliner eine Überlegenheit des Gastgebers lesen will? Sicher doch, denn die Jenaer gewannen 3:0. Und das spricht wohl eine klare Sprache! Oft und gern wird gerade die Eckenbilanz herangezogen, um die bessere Spielweise einer Mannschaft zu beweisen. In jedem Fall, siehe das Berliner Treffen, darf man das nicht tun.

"Wir haben noch Zeit. Unsere Mannschaft ist jung." Der das sagt, schmunzelt ein wenig ob der guten Leistung seiner Jungen. Georg Buschner hat allen Grund dazu. "Diszipliniert wurden alle Anweisungen auf dem Spielfeld auch in die Tat umgesetzt." Eine Mannschaft, die so klug spielen kann, müßte doch weiter vorn stehen, , werfen wir ein. "Mag sein", entgegnet der ehemalige Auswahlspieler. "Aber man bedenke: Gerade junge Kollektive sind anfälliger, schwankender in ihrer Form. Das trifft wohl für uns zu; mit gut 22 Jahren im Durchschnitt arbeitet die Zeit für uns. Und zum anderen: Wir haben auf Grund von Verletzungen oft umstellen müssen."!

Man spricht oft von Brüderpaaren im Fußball. Bei uns wird man den bereits bekannten ein weiteres, vielversprechendes hinzufügen müssen. Das der Duckes vom SC Motor Jena. Wie sich der Ältere, der Roland, mit dem Jüngeren, dem Peter, verstand, das anzuschauen lohnte sich. "Ja, es wurde Zeit, daß der Peter kam", sagt der Roland. "Wir ergänzen uns prima; ihn kann ich schicken. Und manchmal ist der "Kleine" schon frecher als ich." Was wohl einiges heißen will.

Ein Heimnimbus ist nicht mehr. Der ASK Vorwärts erlitt auf eigenem Platz seine erste Niederlage. Diese Tatsache an sich ist kein Beinbruch. Nur: Das "Wie" stimmt etwas nachdenklich. So zusammenhanglos, so unklug sollte keine Mannschaft spielen, die Kurs Meisterschaft steuert. Besonders nach den letzten guten Leistungen erwartete man etwas mehr. Ein Kennzeichen der absoluten Klasse ist auch eine gewisse Beständigkeit...

(Klaus Schlegel in "Die Neue Fußballwoche" vom 28. Juni 1960)