1980/1981 ECII 7. Spiel: FC Carl Zeiss Jena - Benfica Lissabon 2:0

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Spieldaten
Wettbewerb EC II, Halbfinale Hinspiel
Saison Saison 1980/1981
Ansetzung FC Carl Zeiss Jena - Benfica Lissabon
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit Mi. 08.04.1981 20 Uhr
Zuschauer 18.000
Schiedsrichter Enzo Barbaresco (Italien)
Ergebnis 2:0
Tore
Andere Spiele
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Programmheft
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Aufstellungen

Trikotfarben
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Jena
Hans-Ulrich Grapenthin
Rüdiger Schnuphase
Gert Brauer, Ulrich Oevermann (79. Roland Kulb), Dietmar Sengewald
Andreas Krause, Lothar Kurbjuweit, Lutz Lindemann Gelbe Karte.gif
Andreas Bielau, Jürgen Raab, Eberhard Vogel (74. Thomas Töpfer)

Trainer: Hans Meyer

Trikotfarben
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Lissabon
Manuel Bento
Humberto Coelho
Antonio Bastos Lopes, João Laranjeira (85. Maurício Reinaldo), António VelosoGelbe Karte.gif
Carlos Manuel, Resende AlvesGelbe Karte.gif, Jorge GomesGelbe Karte.gif, Shéu Han
Francisco Vital (64. Cesar), Tamagnini Nené

Trainer: Lajos Baroti


Spielbericht

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Wieder 30 Minuten Erfolgsfußball!

Humberto , Bastos Lopez (3) und Vogel
Eintrittskarte

LOHN DES FLEISSES

In den vergangenen sieben Monaten, seit dem EC-Auftakt am 17. September 1980, durchlebte der FC Carl Zeiss die ganze Emotionsskala von Freud und Leid. Nach den ersten 90 Minuten im römischen Stadio Olimpico (AS Rom 0:3) schien unser Cupsieger bereits als erste DDR-Elf draußen vor der Tür zu sein. Jetzt, da die Roma, Cupverteidiger (!) Valencia und Newport wissen, wie Jena Herz und Verstand, Kampf und Spiel zu einer Synthese modernen, athletischen Druckfußballs zu vereinen weiß, ist die Meyer-Elf fast an der Endstation ihrer Sehnsüchte angelangt: 90 Minuten trennen die Thüringer nur noch vom Finale am 13. Mai im Düsseldorfer Rhein-Stadion! "Trotz erheblicher Belastungen, durch Verletzungsausfälle, Formschwankungen und Besetzungsveränderungen bewirkt, kämpfte sich die Mannschaft durch, bewies hohe Moral. Das 2:0 gegen Benfica war der Lohn für einen Fleiß, dem ich allen Respekt zolle", resümierte Hans Meyer Mittwochnacht - bewegt, gefaßt, glücklich.

REMINISZENZ UND PROGNOSE

Dreimal scheiterte Benfica bereits an DDR-Clubs (SC Leipzig, FC Vorwärts, Dresden). Lag der "Orgulho de Portugal" ("Stolz von Portugal") nach dem Hinspiel mit zwei Toren im Rückstand, ging er auch k.o. Der SC Leipzig begann damit 1966/67 im Messecup (3:1/1:2), Dynamo Dresden führte diesen Negativtrend der Lissabonner 1976/77 im EC I (2:0/0:0) fort. In den vorausgegangenen vier EC-Spielen dieses Wettbewerbes unterlag Benfica nur in Malmö (0:1). Ob der zweifache EC-Gewinner, im "Estadio da Luz" 1980/81 bei 9:0 Toren viermal siegreich, auch einen Zweitorerückstand wettmachen kann, ist die große Frage. "Wir sind auf das Endspiel eingeschworen", umriß Torwart Manuel Bento Benficas Absichten. Geburtstagsjubilar "Matz" Vogel (Gratulation zum 38!) hielt Jenas Meinungstenor dagegen: "Obwohl wir 1974/75 im EC II nach zwei Unentschieden mit 1:1 und 0:0 an den Portugiesen scheiterten, geschlagen haben sie uns nicht. Wir werden im Rückspiel nicht vor Ehrfurcht erstarren."

Übrigens: Benfica-Trainer Lajos Baroti (66), einst langjähriger ungarischer Verbandskapitän, scheiterte 1969/70 im Messecup (0:1/0:3) mit Dosza Ujpest Budapest an Jena. Sein Mittwoch-Kommentar: "Gute Athletik, Lauffreude, Positionswechsel, Kampfgeist und ein starker Offensivdrang machten Jena schon immer zu einem schwer zu bespielenden Gegner. Deshalb bin ich mit dem 0:2 nicht unzufrieden. Es beläßt uns alle Chancen." Mit der Blume Hoffnung haben sich schon immer die schönsten Sträuße binden lassen.

EINSICHTEN UND ERKENNTNISSE

"Ein attraktives Mittelfeldspiel ist brotlose Kunst, wenn das Angriffsspiel nicht torgefährlich wird", resümierte Ex-Benfica-Star Eusebio. Trotz 11:4 Schüssen und 9:0 Ecken (!) für Benfica - Jenas geradliniges, rationelles Angriffsspiel hatte den heißeren Atem. Den Unterschied zur Benfica-Weltklasse-Elf der 60er Jahre und dem heutigen Team artikulierte Victor Santos, Chefredakteur des auflagenstarken Lissaboner Sportblattes "A Bola", wie folgt: "Benfica besitzt jetzt vier gute Spieler mit Bento, Humberto, Chalana und Nene, aber keinen Star als spielerischen Mittelpunkt. Damals waren Eusebio, Coluna, Augusto, Simoes die Asse in einem kompletten Starensemble."

Natürlich stellte Benfica auch in Jena europäische Spitzenklasse dar. Ihr Gütesiegel: Technische Perfektion. Aber der Lack (Konzentrationsfehler, ungenau adressierte Steilpässe, kaum Chancen trotz hohen Aufwands) blätterte ab, wenn Jena seinen wuchtigen Stil offerierte, hartnäckig störte. "Psychologisch war es verständlich, daß wir nach dem 2:0 kein unnötiges Risiko mehr eingehen wollten. Benfica vermochte aber aus seiner spielerischen Sicherheit kein Kapital zu schlagen, da unsere Abwehr unerschütterlich stand", erläuterte Zeiss-Trainer Helmut Stein. Bestechend: Schnuphases Blick für Gefahrenherde. Wo Benficas Feuer zu glimmen begann, trat er es aus. Dank Schnuphases Willenskraft machte Jenas Abwehrblock sicherlich eines seiner besten Spiele! "Dieses Bollwerk wird uns auch in Lissabon Sorgen bereiten", gestand Baptista Nene, 45facher Auswahlstürmer, ein. Brauers Formanstieg war erkennbar. Oevermann stemmte sich aufopferungsvoll, so lange die Kräfte reichten, dem brasilianischen Superdribbler Jorge Gomes entgegen. In Jenas Abwehr steckte jenes Selbstbewußtsein, das selbst eine international erfahrene, renommierte Benfica-Elf auf den Kurs der Erfolglosigkeit führte.

Ich bin sicher, daß sich Hans Meyer noch mehr Kombinationssicherheit gewünscht hatte, daß ihm auch Lindemanns erneuter Verwarnungs-Fauxpas nicht schmeckte. An beiden Kopfballtoren hatte er jedoch seine helle Freude, an der Vorbereitung (Brauer, Oevermann, Lindemann) wie an der konzentrierten Vollendung. Das war genau die Art, die für Jena in Lissabon gefragt sein wird.

(Günter Simon in "Die Neue Fußballwoche" vom 14. April 1981)

Dynamo Tbilissis Herausforderung!

Sie stehen noch ganz unter dem Eindruck des soeben am Bildschirm Erlebten. Dynamo Tbilissi gegen Feyenoord Rotterdam - ein pikantes Duell mit überraschend klarem Spielausgang. Von Hans-Ulrich Grapenthin bis hin zu Eberhard Vogel sind sich alle Spieler des Jenaer Klubs einig: Die Elf aus der Metropole Grusiniens ist nach diesem glanzvollen 3:0 sicherer Finalist. "Sie verkörpert, was Trickreichtum, Antrittsschärfe, Spritzigkeit und technische Perfektion selbst in der schnellsten Bewegung anbetrifft, beste europäische Klasse." Die Gedankengänge von Trainer Hans Meyer sind leicht zu erraten: Wie kann man diese Mannschaft erfolgreich bespielen, ihren Temporhythmus stören, die individuellen Fähigkeiten ihrer zahlreichen herausragenden Akteure wirkungsvoll eindämmen? "Kipiani - war er nicht wiederum unumschränkter Herrscher auf dem Feld?" Jürgen Raab erinnert an die großartigen Soloeinlagen des Dynamo-Akteurs, an seine gestochenen Flugbälle, seine Finten im Duell mit drei, vier Niederländern. Man spürt auf Schritt und Tritt, wieviel Respekt die sowjetische Elf als der wahrscheinliche Endspielgegner Jenas oder Benfica Lissabons hinterlassen hat. Nehmen beide die Herausforderung an, Tbilissi leistungsmäßig nicht entscheidend nachzustehen?

Selbstbeherrschung ist in ganz wesentlichem Maße eine Frage der Erfahrung. Auf der Trainer- und Ersatzspielerbank der Portugiesen ist davon allerdings kaum etwas zu spüren, als Raab in der 20. Minute die unentschlossene Reaktion von Nationaltorhüter Bento mit dem 2:0 bestraft. Nur Lajos Baroti, Benficas 66-jähriger Trainer, verzieht in diesem Moment keine Miene. Seine innere Unruhe und Unzufriedenheit entlädt sich erst in der Halbzeitpause. "Schärfer decken im Mittelfeld! Von den ständigen Jenaer Positionswechseln nicht aus dem Rhythmus bringen lassen!" Der Blick durch die weit geöffnete Kabinentür macht aber auch dies verständlich: "Gestandene", international erprobte Männer wie Kapitän Humberto, wie Nene, Sheu oder Bento lassen keine Kopflosigkeit aufkommen. Die Spieler des 23fachen Meisters und 19fachen Cupsiegers ihres Landes wissen auch in dieser kritischen Situation, was sie dem renommierten Namen ihres Klubs schuldig sind. Und das im 119. EC-Spiel!

Exakt nach 73 Minuten und 17 Sekunden kommt für den Routinier unter den vielen Routiniers auf dem Platz von der Bank das Zeichen, seine Position mit dem erstmals wieder einsatzfähigen Töpfer zu wechseln. Beifallüberschüttet verläßt "Matz" Vogel, das Geburtstagskind dieses Europapokaltages, die Szenerie. Wer gönnt dem 38jährigen Strategen wohl nicht ehrlichen Herzens, seine erfolgreiche Laufbahn möge eine bisher unerreichte Krönung erreichen: Vorstoß ins Düsseldorfer Endspiel. Hinter dem Lissaboner Tor postiert, vermögen wir deshalb auch seine Enttäuschung in der 18. Minute nur allzu gut zu beurteilen. Vom linken Innenpfosten springt das Leder gegen das rechte Holz, bevor Bento endlich aufatmen kann: Noch einmal gut gegangen. Eberhard Vogel später: "Ich wollte es vielleicht zu genau machen." 3:0 wie in Tbilissi wäre sicherlich ein kaum aufzuholender Vorsprung für den FC Carl Zeiss und seinen verdienstvollen Flügelstürmer gewesen...

Der Trubel klingt allmählich ab. Unser letzter Gesprächspartner an diesem Abend ist jener Mann, der seine zuletzt immer wieder gelobte Konsequenz überzeugend demonstriert: Referee Enzo Barbaresco aus dem italienischen Gradisca d´Isenzo. Der 43jährige Bankbeamte in gutem Deutsch: "Einige Portugiesen hatten ihre Nerven nicht ganz im Zaume, als es kritisch wurde. Aber unfair ging es niemals zu." Dann noch ein abschließender Wunsch, ausgesprochen auch ganz in unserem Sinne: "Möge es in der nächsten Woche in Udine und Modena in den beiden Vergleichen zwischen Italien und der DDR ebenso korrekt zugehen."

EC und die wichtige Länderspielbewährung vor dem WM-Qualifikationstest am 2. Mai in Chorzow halten uns in Atem und bei bester Stimmung ...

(Dieter Buchspieß in "Die Neue Fußballwoche" vom 14. April 1981)

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