Axel Jüptner

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Axel Jüptner (1997)

Axel Jüptner (* 26. April 1969 in Gemmrigheim; † 24. April 1998 in Bad Oeynhausen) spielte in der Saison 1997/1998 für den FC Carl Zeiss Jena.

Der 1,80 m große Mittelfeldakteur spielte vor seiner Zeit in Jena für den VfB Stuttgart (1988 bis 1991, 25 Bundesligaspiele) und den KFC Uerdingen (1992 bis 1996, 88 Erstligaspiele). Im November 1997 wechselte er zum FCC und erkämpfte sich auf Anhieb einen Stammplatz in der 1. Mannschaft. Am 23. April 1998 brach er in Jena auf der Heimfahrt vom Vormittagstraining plötzlich bewusstlos zusammen und verstarb einen Tag später an den Folgen eines Herzinfarktes, der durch eine unerkannte Herzmuskelentzündung hervorgerufen worden war. Eine Notoperation in einer Spezialklinik in Bad Oeynhausen war erfolglos. Die Herzinnenwand sei akut entzündet, die rechte Herzklappe total zerstört gewesen. Ein Autopsie ergab, dass ein aggressiver Keim unbekannter Ursache den Herzmuskel entzündete, was Herzrhythmusstörungen und schließlich Herzversagen verursachte.

Insgesamt bestritt Axel Jüptner 15 Pflichtspiele (2 Tore) für den FCC, davon 13 Spiele (2) in der 2. Bundesliga und 2 Spiele um den DFB-Pokal.

Axel Jüptner war verheiratet mit Ehefrau Ines und hatte zwei Kinder. Nach seinem Tod verklagte die Witwe den Mannschaftsarzt des FC Carl Zeiss Jena auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Der Arzt habe Axel Jüptner trotz Erkrankung als spieltauglich eingestuft. Die Klage wurde im April 2007 abgewiesen.


Das Leben nach dem Tod

Erinnerungen von Christoph Dieckmann zum 20. Totestag von Axel Jüptner (im Anpfiff vom 14. April 2018)

Freitag, den 24. April 1998. Frühstück in Berlin, mit dem „Tagesspiegel“. Im Sportteil eine Meldung wie ein Blitz: „Axel Jüptner vom Zweitligisten FC Carl Zeiss Jena kämpft um sein Leben.“ Anruf in Jena, bei Matthias Stein vom Fanprojekt. Am Donnerstag hatten die Spieler ihr Vormittagstraining absolviert. Danach kam Ines Jüptner zum Stadion gefahren, um ihren Mann abzuholen. Jüptner stieg ins Auto und brach zusammen. Die Mannschaftskameraden rannten herbei und riefen eilends Hilfe. Herzstillstand, sagt Matthias. Acht Minuten war Axel völlig weg. Der Notarzt hat ihn mit Elektroschocks soweit zurückgeholt, daß sie ihn in die Klinik bringen konnten, an die Herz-Lungen-Maschine.

Jetzt soll ein Spezialhubschrauber von der Marine kommen, damit wollen sie ihn ins Herzzentrum nach Bad Oeynhausen fliegen. Und die Mannschaft? Holetschek hat gesagt: Bei sowas merkste, wie wenig im wirklichen Leben wichtig ist. Jetzt kann doch keiner an Fußball denken. Das Sonntagsspiel wird verlegt. Mensch, wenn man doch wählen könnte: Absteigen, gerne, wenn dafür der Junge wieder aufsteht.

Den ganzen Samstag über meldete ARD-Videotext, Jüptners Zustand sei unverändert kritisch. Nach Mitternacht stand auf der Videotext-Tafel 219: „Axel Jüptner gestorben.“ Es wurde Sonntag, der 26. April, Jüptners 29. Geburtstag. Er starb schon am Freitagabend. Man hatte noch ein Kunstherz aus Titan erwogen. Man wollte ihm noch das linke Bein amputieren. Man ließ ihn ruhen; es war keine Hoffnung. Ines Jüptner wartete bei ihren Eltern in Krefeld. Als der Anruf aus der Klinik kam, fuhr sie nach Bad Oeynhausen und gab ihr Einverständnis, daß die Geräte abgeschaltet würden. Axels Ende hat sie selbst mitgeteilt, tränenüberströmt, auf einer Pressekonferenz ins Jena.

Warum darf das geschehen? Was hat der Tod in unserem Spiel zu suchen? Woran starb Axel? Ein aggressiver Keim unbekannter Herkunft hatte ihn befallen, und, beginnend mit dem Herzen, sämtliche Organe rapide zerstört. Keine Überlebenschance. Fünf Tage liegt Axels Tod zurück. Er ist noch nicht begraben, da müssen wir ins Stadion, um die Partie gegen U n t e r h a c h i n g nachzuholen. Vor einer Woche hätten wir fröhlich geschwafelt, daß es in diesem Match um Jenas Überleben geht.

Nun wird es zu Axels Totenmesse, und keiner weiß, wie man heute Fußball spielen kann. Rings an den Zäunen hängen krakelig bemalte Laken: Danke, Axel! You'll never walk alone! Kämpft für euren Axel. We'll never forget you! In unseren Herzen bist du unsterblich (Fanclub Stimmungskanone)!

Die Mannschaften kommen. Rolf Weidner, der alte Stadionsprecher, stellt die Gäste vor. Kein Schmähruf, kein Pfiff. Auch die Unterhachinger tragen einen Trauerflor. Fünftausend Mark haben sie für Jüptners Familie gespendet. Da platzt der Himmel und drischt Wasser, Wasser auf das Feld. Der Schiedsrichter pfeift ab, kaum daß die Partie begonnen hat. Der Ball ruht, die Spieler verharren, wo sie sind, das Volk erhebt sich. Schweigen. Eine ewige Minute lang lärmt nur der Regen. Dann pfeift der Schiri abermals. Das Spiel geht weiter. In der Kurve hinterm Hachinger Tor erhebt sich ein gewaltig grölender Chor: Und wir haaaben einen Gott, Axel Jüüüptner ... Das ist idiotisch? Nur gibt es heute überhaupt kein angemessenes Verhalten. Oder ist es etwa würdig oder wichtig, daß in der 8. Minute am rechten Flügel Weber durchbricht, daß er, mit glitschigem Schnitt, den Ball zur Mitte säbelt, wo der kleine Hauser aufsteigt und unhaltbar in die lange Ecke köpft? Wir sind ja heute nicht für Fußball hier, aber darf man sich nicht freuen, einfach so, nur an der Oberfläche, wie die Mannschaft rennt und drängt und drückt? Und nach eine halben Stunde schon mit drei, vier Toren führen müßte! Die Hachinger scheinen kaum auf dem Platz. Sie rutschen und hecheln den Jenaern hinterher, die Abwehr schwimmt, aber vielleicht ist das ihre noble Art von Pietät: daß sie uns die Punkte überlassen, die natürlich heute Nebensache sind, bis, ja bis in der 38. Minute Zimmermann von linksaußen auf das Hachinger Gehäuse strebt, das Leder in die Mitte schiebt, wo Weber, aber da spritzt mit letztem Schritt Hachings Lust dazwischen und haut weg, doch nur bis zu Jenas Schneider, der aus fünf- undzwanzig Metern ... Der Schrei! Die Freude, 2:0 zur Pause, wann gab es das zuletzt. Jetzt sind wir beim Fußball. Jetzt siegen wir, jaja, für Axel, alles klar, aber Schneiders Hammer, und wie Weber, und der Neumann, Spitze, mit der Faust, bloß Chalaskiewicz, den muß Trainer Hollmann runternehmen, sonst sieht der Rot.

Nach der Pause tut sich zweierlei. Der Regen hört auf. Und die Jenaer, da sie dieses Spiel ja schon gewonnen haben, beenden ihren Sturmlauf. Unterhachings Trainer Entenmann hat drei neue Leute gebracht. Einer namens Abdelaziz Ahanfouf entwischt in der 51. Minute mit einem Steilpaß und wird im Jenaer Strafraum von Nierlich umgemacht. Elfmeter. Rrakli trifft zum 1:2. Es ist gar nicht so angenehm, daß Haching weiterstürmt, daß Jena nur noch selten vor das Gästetor gelangt. Kämpfen für Axel! Kämpfen für Axel! Aber wir halten die Führung, wir kontern wieder öfter, jetzt mit Schneider, mutterwindallein vor Torwart Mai. Schnix umspielt ihn, daß Hachings Keeper wie ein Sack ins Leere kippt, und schiebt den Ball hinein in den Jubel, am leeren Tor vorbei. Das gibt ́s gar nicht. Wenn sich das bloß nicht rächt. Darf man aber nicht laut aussprechen. Peter Poser, der Photograph, ruft: Wenn sich das bloß nicht rächt! Schon rauscht, wieder mit Steilpaß, wieder Anhan- fouf durch Jenas Verteidigung und stürzt über Tor- wart Neumann.

Und es gibt wieder Elfmeter.

Und Ahanfouf schießt selbst.

Und Neumann hält!

Und der Ball springt zurück zu Ahanfouf. 2:2, sechs Minuten vor Schluß.

Jetzt stürmt noch mal Jena, mit verblüffter Wut. Ecke von rechts. Männer nehmen! brüllt Strehmel, Hachings Libero. Raushauen! Einen Punkt haben wir! Schneider schnixt die Ecke herein, Weber rutscht in den Ball, den Lust von der Torlinie kloppt, fort, in die Mitte, wo Rrakli verlängert, zu Ahanfouf. Der rast zum dritten Mal allein aufs Jenaer Gehäuse zu. Links von der Strafraumgrenze zieht er ab. Im Reflex bringt Torwart Neumann eine halbe Hand ans nasse Leder, das am langen Pfosten behaglich in die Maschen schmatzt. Es gibt keine stillere Nacht als jene, die am 29. April 1998 fünftausend Jenenser verschluckte. Sie knüpften ihre Axel-Transparente von den Zäunen und verschwanden im Dunkel, schweigend und gefaßt. Nichts Entsetzliches war heute vorgefallen, nur ein fürchterliches Fußballspiel und, nun fast gewiß, Jenas Absturz in die 3. Liga. Etliche Dutzend Fans blieben noch im Fanhaus und tranken brütend Bier. Ein Junge trug die Kondolenzmappe für Ines Jüptner herum. Alle schrieben sich ein. Nachts um zwei stießen wir mit Sekt auf Axel an. Wollen wir noch mal nach draußen gehen? fragte Uwe Dern. Wir gingen hinaus, zum Stadiontor. Ein Meer von Blumen lagerte am Gatter. Auf einem Tisch umflackerten Windlichte Axels Bild. Ein Junge im Rollstuhl saß davor und meditierte in die Finsternis. Es fehlten die Plüschtiere nicht und nicht die seltsamen Niederschriften rückhaltlosen Gefühls: Axel, im Abstiegskampf hast du den Aufstieg geschafft zu einem ehrenvollen tragischen Fußballer. Du solltest Ehrenspielführer beim FC Sankt Petrus werden! Ich habe den Carl Zeiß nie spielen sehen, denn ich fahre immer nur vorbei und höre Euch. Ich bremse mein Fahrrad für Dich und verneige mich. Uwe, Axels Tod ist ganz rein gewesen. Unerwartet, unverschuldet, unabwendbar, nicht für und nicht gegen irgendwas.

Ja, sagte Uwe, das ist einfach der Tod, vor dem wir alle mal stehen. Heute nachmittag ist draußen in Winzerla die Straßenbahn mit einem Rettungswagen zusammengestoßen. Da saß ein Herzpatient drin, der ist gestorben. 76 war er. An den denkt keiner, bis auf die Angehörigen. Mit Axel ist das wie mit Lady Di. Einen besonderen Menschen hat es getroffen, einen jungen, berühmten, geliebten und deshalb vermeintlich geschützten. Um wieviel mehr sind dann wir ganz Normalen in Gefahr. So fühlen die meisten, sagte Uwe. Und dann gibt’s immer welche, die empfinden gar nichts. Ein Fan hatte seinen Zeiss-Schal hier ans Tor gebunden. Für Axel, stand dran. Kaum daß er hing, da war er schon geklaut... Das ist nun zwanzig Jahre her. So habe ich es damals erlebt und aufgeschrieben für mein Buch „Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ostdeutscher Identität“. Auf einer meiner Jena-Videokassetten findet sich die SAT 1-Sendung „Akte“ vom 28. Juli 1998. Man sieht Bilder von Axel Jüptners Trauerfeier. Mario Neumann, Thomas Gerstner, Olaf Holetschek, Heiko Weber tragen den Sarg aus der Kapelle. Der Körper wurde eingeäschert, die Urne, in Krefeld beigesetzt, unfaßbarerweise ausgegraben und gestohlen. Davon berichtete SAT 1. Die Witwe spricht über ihre ratlose Not. Die Wohnung wirkt wie eine Axel-Gedenkstätte. Monate später kam die Urne zurück, per Post.

Ines Jüptner klagte auf Entschädigung für den Tod ihres Manns. Sie vermutete medizinische Schlamperei. Wurde Axel, als er zum FC Carl Zeiss kam, zu flüchtig untersucht? Gutachten ergaben chronische, unauskurierte Vorschäden. Erst am 25. April 2007 sprach das Landgericht Gera Jenas Mannschaftsarzt Dr. Heribert Zitzmann vom Vorwurf der Fehl- diagnose frei. Das ist die juristische Seite der Tragödie. Die menschliche wird jeder selbst ermessen. Immerhin erließ der DFB 1999 die „Lex Jüptner“, wonach jeder Profi-Fußballer alljährlich penibel medizinisch durgecheckt werden muß. Leistungssport bleibt risikobehaftet. Gleichfalls 1998 starb Fortuna Düsseldorfs Amateur-Torhüter Markus Paßlack während eines Probetrainings beim SSV Ulm den plötzlichen Herztod. 2008 rettete Dr. Zitzmann Jenas Nigerianer Darlington Omodiagbe das Leben, als der im Training die Zunge verschluckt hatte. Erst kürzlich, am 4. März 2018, wurde Davide Astori, der vermeintlich kerngesunde Kapitän des AC Florenz, tot im Hotelbett gefunden. Herzstillstand, mit 31 Jahren.

In diesem noch jungen Jahr sind schon zwei große FCC-Spieler gegangen. Im Januar starb unser Europapokal-Held Gert Brauer. Er war ein knallharter Verteidiger, ganz wie unser doppelter Meisterstopper Michael Strempel, der am 1. März gestorben ist. Gert Brauer sah ich zuletzt am 13. Mai 2016, als er sich, tief gerührt, ins Goldene Buch der Stadt Jena einschreiben durfte. Michael Strempel krönte das erste Jena-live-Erlebnis meines Lebens. Am 18.November 1970, einem Mittwoch, strömten 24.000 Hallenser zum Oberliga-Flutlichtspiel gegen Meister Jena. Nach einer Stunde schoß Peter Ducke den FC Carl Zeiss in Front. Sechs Minuten später führte der HFC Chemie mit 2:1. Das Volk tobte, Halle stürmte weiter. Ich, damals 14, war die einsamste Seele im Hexenkessel Kurt-Wabbel-Stadion, bis Strempel in allerletzter Sekunde der Ausgleich gelang. Michael Strempel lebte 73 Jahre, Gert Brauer 62. Ihr Andenken wurzelt für alle Zeit in Jena. Sie waren und bleiben Heroen des seßhaften Heimatfußballs, den es nicht mehr gibt. Axel Jüptner ist nur für wenige Monate Jenaer gewesen. Von 1988 bis 1991 kickte er für den VfB Stuttgart, danach für Bayer Uerdingen. Auf besagter Videokassette findet sich auch Jenas Zweitliga-Heimspiel gegen Uerdingen vom 1. November 1996. Die Gäste führen 0:2. Dann schießt Holetschek, Jüptner fälscht ab ins eigene Tor. Endstand 2:2. Nach Jena wechselte Axel im November 1997, kurz vor der Winterpause. Er war alsbald beliebt: kein Abzocker, kein Großmaul-Wessi. Im Januar 1998 beglückte mich der FCC beim Berliner Hallenturnier. Nicht Hertha, Mönchengladbach, Nürnberg oder Bayern München in Bestbesetzung - Jena erreichte sensationell das Finale, gegen Hansa Rostock. 2:2, Neunmeterschießen. Jüptner scheiterte.

Der FC Carl Zeiss Jena nennt sich gern Traditionsverein. Geschichte kann man nicht kaufen; allerdings sollte man sie pflegen. Ohne Gedächtnis ist man auch mit Geburtsjahr 1903 bloß ein Kind des Augenblicks. Ich erinnere mich an den 27. März 1998. Ich war in Lyon, Jena spielte daheim gegen Gütersloh. Spätabends rief ich im Fanheim an. Niemand nahm ab. Ich wußte, weshalb: Niederlage, Frust, Fanheim verwaist. Anderntags flog ich zurück. In Frankfurt/ Main schlug ich die „Rundschau“ auf: „Mit seinem 2:1-Siegtor in der 83. Minute hat Axel Jüptner dem FC Carl Zeiss Jena die Hoffnung auf den Klassenerhalt gewahrt.“