2000/2001 13. Spieltag: SV Wehen Taunusstein - FC Carl Zeiss Jena 3:2

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Spieldaten
Wettbewerb Regionalliga, 13.Spieltag
Saison Saison 2000/2001, Hinrunde
Ansetzung SV Wehen Taunusstein - FCC
Ort Stadion auf dem Halberg in Wehen
Zeit So. 21.10.00 14:30
Zuschauer 650
Schiedsrichter Walter Hofmann (Ansbach)
Ergebnis 3:2
Tore
  • 0:1 Mason (20.)
  • 0:2 A.Jovic (35.)
  • 1:2 Naciri (40.)
  • 2:2 Sauer (76.)
  • 3:2 Naciri (87.)
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Wehen
Christian Lache
Sven Zaltenbach (46. Frank Wilde)
Sascha Amstätter, Oliver Bunzenthal, Patrick Hornung, Samir NaciriGelbe Karte.gif, Frank Parrotta (46. Kelvin King), Michael SauerGelbe Karte.gif, Antonio da Silva (64. Michael König)
Sead Mehic, Ermin Melunovic

Trainer: Gerd Schwickert


Jena
Roman GörtzGelbe Karte.gif
Dejan Raickovic (69.Rote Karte.gif)
Krzysztof Kowalik, Zoran Saraba, Timo Uster
Christian Hauser, Dirk Hempel, Michael Mason, Gediminas SugzdaGelbe Karte.gif
Aleksandar Jovic (72. Sebastian Barich), Miroslav Jovic (82. Tobias Kurbjuweit)

Trainer Slavko Petrovic

Spielbericht

Jenas schmerzhafte Wehen
Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme, mich hinzusetzen und in schöner Regelmäßigkeit Jenas Absturz in den Tabellenkeller in Worte zu kleiden. Ist es ein gewisser Selbstzerstörungswahn, der mich antreibt? Hat Mama mich falsch gewickelt, und bin ich vielleicht schmerzpervers? Sind es die neben mir liegenden Faustan und eine Flasche Cognac, die es mir leicht machen, aus dem Drama der Saison 2000/2001 zu entfliehen? Oder ist es der totale Realitätverlust? Wie sonst könnte ich erklären, daß die wackeren Lokalmatadore und ca. 200 andere Jenaer, der Kapelle auf der Titanic gleich bis zur letzten Sekunde für Stimmung sorgend, doch letztlich gemeinsam mit dem Verein, der ihnen alles bedeutet, untergehen?
Es ist die Liebe zum Verein, die Erinnerungen, die mit ihm verbunden sind. Es ist der Stolz auf den Namen eines Vereines, dessen Glanz mehr und mehr zu bröckeln droht. Dieser Stolz und der Name FC Carl Zeiss Jena werden jedoch ewig leben, solange die Fans blau-gelb-weisse Lieder singen. Und die Lokalmatadore werden ihren bescheidenen Beitrag leisten, um die Kraft und die Tradition die der Name FC Carl Zeiss Jena trotz allem immer noch ausstrahlt, lebendig zu halten (Amen!).
Samstag morgen war den Lokalmatadoren noch nicht klar, daß die Mitnahme eines Sauerstoffzeltes und eines Punchingballs durchaus Sinn gemacht hätte, um die auf sie zukommenden seelischen Strapazen zu meistern. Froh gestimmt ging es Richtung Wehen - übrigens die Heimatstadt vom Erfinder der schmerzfreien Geburt Rudolf Breitscheid - und man war sich sicher, daß Jena diesmal nicht verlieren würde. Diesmal nicht! Nachdem unser Fahrer und diesmal für die Logistik verantwortlich zeichnende Groete die Anfahrtszeit von Jena nach Wehen auf 2,5 Stunden veranschlagte, glaubten wir mit 4 Stunden vor Spielbeginn rechtzeitig losgefahren zu sein. Okay, ich meine, wir kamen ja gerade noch rechtzeitig an. Allerdings wurde Groetes Geisteszustand durch Fragen nach seinem Namen und Verein auf Tauglichkeit für die Rückfahrt geprüft. Endlich in Wehen angekommen, sah man den Fußballtempel schon von der Bundesstraße aus leuchten. Es war ein gigantisches Bild, welches sich dem nicht mehr ganz nüchternen Betrachter bot. Hoch oben über der Stadt thronte die Arena auf dem Fußballolymp. Es erschauerte einen nur beim Gedanken, in wenigen Minuten in die Höhle des Löwen geführt zu werden. DAS ist also das Ziel, welches nach 20 Jahren gemeinsamen Weges vor dem FC Carl Zeiss Jena und den Lokalmatadoren liegt. Der sagenumwobene SV Wehen.
Einer Pilgerstätte gleich sah man überall greise, gebeugte Alte und Kranke, die sich mühsam dem weiten Gipfel des Berges entgegenschlichen, um dann oben angekommen, vom Fußballgott geküßt und aller Leiden entledigt zu werden. Die Lokalmatadore waren begeistert! Ihre 4-rädrige Kutsche brachte sie schnell auf den Olymp, und man wurde einiger Rituale gewahr. So wurde kurz vor dem Gipfel eine Ziege geopfert um den Dee-Eff-Bee gnädig zu stimmen...... Selbstverständlich wird man nicht ohne weiteres in das Innere des Tempels gelassen. So mußten sich die Lokalmatadore einer gar schweren Prüfung unterziehen. Nachdem die berittene Leibgarde uns respekteinflößend bis zum Eingang begleitete, wurde unsere Fahne von den Gardisten geprüft, ob diese sich auch als würdig für den Tempel erweise. Schließlich durften wir doch unseren blau-gelb-weißen Gobelin an den bereits mit allerlei anderen Geschenken verzierten Gitterzaun hängen. Dafür danke! Danke auch dafür, daß wir durch einen sehr ernst genommenen Serviceauftrag der Grünen Garde nun wissen, daß wir tatsächlich unseren Personalausweis führen dürfen. Die Herren hatten extra, ganz selbstlos, die Polizeidirektion nach Gültigkeit unserer Ausweise gefragt. Das nenne ich Service!
Ebenfalls klasse war, daß man den in deutschen Fußballstadien zum guten Brauch gewordenen Service, behinderte Mitmenschen ganz nah ans Spielfeld zu lassen, in Wehen vorbildlich umsetzte. So wurde extra auf den Bau einer Gegentribüne verzichtet, um Menschen mit eingerosteten Kniegelenken die Möglichkeit zu geben, sich an einem Geländer festhaltend das Spielgeschehen zu verfolgen. Auch dafür ein dickes Lob! Auch die Stummen, welche übrigens sitzen durften, waren zahlreich in Wehen vertreten. Es war eine himmlische, fast schon autistische Ruhe auf Wehener Seite, welche gerade bei der großen Zahl anwesender Tinituserkrankter Sinn machte!
Die Planer des Sanatoriums - ähm, Stadions, hatten natürlich auch an eine Zelle für die Geisteskranken gedacht. So wurden alle Zeiss-Fans in einen Käfig mit vielen qualifizierten Aufsehern verfrachtet, in welchem sich eine prächtige Stimmung entwickelte. Es kam so richtige Plattling-Atmosphäre auf. Als Jena sogar in Führung ging, wurde aus der Zelle ein Tollhaus! Die Therapie schien aufzugehen, und es löste sich bei den Jenaer Patienten einem Gordischen Knoten gleich der Frust und entlud sich in ekstatische Schreie, welche von den schwerhörigen Pilgern auf der anderen Seite des Kliniktraktes apathisch zur Kenntnis genommen wurden. Die Jenaer Kaputten entschlossen sich aus purer Dankbarkeit zu einem epochalen Chor, welcher ca. 1 Stunde ununterbrochen zum Besten gegeben wurde. Eine einmalige Stimmung von den besten (Auswärts-)Fans der Liga!!!! Der Chor sollte nach dem zweiten Treffer Jenas noch fanatischer werden. Die ersten Patienten drohten vor Freude zu kollabieren. Wie in Trance schrie man sich den Frust der letzten Wochen von der Seele! Jena is back!!! Man war sich sicher, das VfL Halle der neuen Saison zu erleben, die Initialzündung für den Umschwung. Doch wie bitter wir enttäuscht wurden, konnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen. Jena spielte einen Superfußball, ohne jedoch das 3. Tor zu machen. Im Gegenteil: Kurz vor Ende der ersten Halbzeit schlug es im Gehäuse des machtlosen Görtz ein. Wütende "Scheißegal"-Rufe der Jenaer Irren. Halbzeit! Selbst während der Halbzeitpause ließen es sich die Jenaer nicht nehmen, weiter zu singen und den FC zu supporten. So als wollten sie zeigen, daß man sie nicht unterkriegt, daß man dies alles durchstehen wird, daß sie, die treusten der Treuen, den Weg ihres Vereines weiter begleiten werden. Es war schon beeindruckend, welch Gemisch aus Stolz, Wut und Trauer über der Gästeparzelle lag. Die Jenaer Fans inszenierten sich selbst und souverän, ähnlich wie ein Todgeweihter, der bei Wahrung voller Contenance seinen Sarg aussucht. Scheißegal, scheißegal. Jena, wir lieben Dich...... Als die Gladiatoren wieder den heiligen Rasen des Wehener Olymps betraten, empfing sie der noch immer erschallende Chor der Fans, welcher sie schon in die Halbzeitpause begleitete. Als Jena nach Supereinzelaktion von Hauser einen Elfer zugesprochen bekommt, rastet der Jenaer Mob aus und feiert bereits das 3:1, welches jedoch nach einem schwachen und ängstlichen Schuß von A. Jovic nicht fällt. Entsetzen! Die Jenaer Kaputten singen weiter, als wäre nichts passiert. Die Jenaer Mannschaft hingegen hat nun die Hosen voll. Als dann auch noch Raickovic wegen einer sinnlosen Aktion völlig zurecht Rot sieht, geht in den Reihen der Jenaer Spieler die pure Angst um. Das 2:2 war für die mitgereisten Jenaer fast schon logisch und entsprach nur dem, was wir schon seit Wochen erleben: Jena hat die Seuche!!! Görtz wird klar im 5-Meter-Raum bedrängt und kann die direkt auf das Tor geschlagene Ecke nicht abwehren. Shit!!! Wut! Nein, das haben wir nicht verdient. Das könnt ihr nicht machen. Der FC, unser FC braucht die Punkte, vielmehr als irgendjemand sonst in dieser gottverlassenen Liga der Namenlosen! Das 3:2 Wehens, durch einen klaren Torwartfehler verursacht, paßte da einfach nur ins Bild. So mußten wir uns wiedermal mit einer teuererkauften 2:3-Schlappe vom autistischen Wehener Publikum verabschieden. Natürlich nicht, ohne einige Verluste im Disput mit der Grünen Garde zu realisieren. Wer am Boden liegt, auf den sollte man nicht auch noch eintreten. Dies gilt für Jena-Fans ganz besonders, und zwar in zweierlei Hinsicht.
Wieviel Leid müssen wir noch ertragen, wieviel Herzblut vergießen, bis uns die Seuche verläßt? Wieviele Opfer müssen wir noch erbringen, um vom Fußball-Gott erhört zu werden? Die Lokalmatadore werden weitere Opfer bringen, und der FC wird wie Phönix aus der Asche auferstehen.
Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.

--Traudel