1956 02. Spieltag: SC Motor Jena - SC Chemie Halle-Leuna 3:1

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Spieldaten
Wettbewerb DDR-Liga, 2. Spieltag
Saison Saison 1956, Hinrunde
Ansetzung SC Motor Jena - SC Chemie Halle-Leuna
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit So. 18.03.1956 16:00 Uhr
Zuschauer 12.000
Schiedsrichter Wutzig (Wurzen)
Ergebnis 3:1
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Jena (weiß - rot/schwarz)
Wolfgang Brünner
Georg Buschner, Karl Oehler, Rolf Hüfner
Günter Rahm, Siegfried Woitzat
Helmut Müller, Roland Ducke, Horst Kirsch (75. Walter Eglmeyer), Gerhard Pfeiffer, Karl Schnieke,

Trainer: Hans Warg

Halle-Leuna (weiß-weiß/grün)
Günter Melchior
Robert Heyer, Klaus Hoffmann, Hans-Joachim Oelze
Gerhard Bierbaum, Günther Imhof
Klaus Büchner (51. Rolf Hoffmann), Werner Lehrmann, Joachim Lehmann, Walter Schmidt, Alfred Jaukus

Trainer: Horst Sokoll

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Spielbericht

In solcher Schlacht wiegt der Erfolg doppelt!

"Wir haben gegen Halle stets nur dürftig abgeschnitten und heute nun dieser Schlammboden. Das ist ja wieder kein gutes Omen", so war der Tenor vor dem Spiel im Jenaer Lager. Ja, es stimmt, die Jenaer konnten in den letzten Jahren gegen die Hallenser nicht gewinnen. Steckte da nicht doch eine gewisse Beklemmung in den Gemütern?

Aber all das schien vergessen, als bald in der 2. Minute Ducke einen 16-Meter-Schuß riskierte und Melchior geschlagen war. Motor führte 1:0. Das schien wichtig.

Doch kam zwei Minuten später der Ausgleich. Lehrmann fiel das Leder direkt vor die Füße, als Brünner einen Schuß nur abklatschte. Dieser Treffer zerrte natürlich an den Nerven der Jenaer.

In der Folge sah man viele gute Spielzüge auf beiden Seiten. Man konnte zu keiner Mannschaft sagen, die ist besser, die ist gefährlicher. Nein, im Gegenteil, Chemie trumpfte dank des unermüdlich kurbelnden Imhof auf und gönnte der Motor-Abwehr keine Pause. Wie sehr mußten sich Oehler, Buschner und Hüfner strecken; um die flink pendelnden Chemie-Stürmer zu markieren. Wie oft rettete ein langes Bein, ein Spreizschlag oder gar ein Querschlag. Man fand trotz körperlicher Schwierigkeiten, aber dennoch die Einstellung zum Gegner, weil diesem die Routine der Stürmer auf der anderen Seite, wie den alten Hasen Schnieke und Pfeifer, fehlte.

Erst in der zweiten Halbzeit wurde Motor von jenem bezwingenden Elan beflügelt, der mich die Elf schon oft loben ließ. Es wurde ein Zahn zugelegt, wenngleich bis dahin schon viele greifbare Chancen vorhanden waren. An zwei Mann richtete sich die Jenaer Mannschaft auf: an Woitzat und Ducke! Woitzat, der schon vor der Pause an der Nase schwer verletzt wurde, gab nicht auf. Er steigerte vielmehr seinen Kampfeseifer nach dem Wechsel zum Unermeßlichen. Oft war er noch hinter Oehler der rettende Mann in der Not, dann kam er im nächsten Augenblick zum Mittelfeld heran, um gleich seine Vorderleute mit einem genauen Paß zu bedenken. Solchen Eifer hätte man noch manch anderem gewünscht, so zum Beispiel dem sonst so überragenden linken Flügel Pfeifer und Schnieke. Er hätte es frühzeitig in der Hand, dem Spiel die entscheidende Wende zu geben.

Dafür war Ducke, wie gesagt, diesmal um so lebendiger. Ihm behagte der Boden weit besser. Dank seiner Leichtfüßigkeit zog er gleich mehrere Gegenspieler auf sich; ließ sie stehen und paßte dem freistehenden Mannschaftskollegen die glitschige Kugel zu. Welche bewunderungswürdigen Taten mußte dann manchmal Melchior vollbringen!

Als ungefähr 65 Minuten gespielt waren, zeichneten sich doch die großen Kraftreserven der Gastgeber ab. Imhof, bis dahin weit stärker im Aufbau und Zerstören, fiel merklich ab. Und hätte der für Rauschenbach eingesetzte Klaus Hoffmann nicht ein so bewunderungswertes Debut gegeben, hätte der kraftvoll spurtende Lehmann im Verein mit den die Verbindung haltenden Lehrmann und Schmidt die Motor-Läufer nicht so in Schach gehalten, hätten die beiden Chemie-Außenstürmer durch ihr weites Zurückgreifen als Anspielpunkte nicht immer Gefahr bedeutet, ein Zusammenbruch wäre wohl unvermeidlich gewesen. So hatte es die Chemie-Abwehr immer nur mit fünf Angriffsspielern zu tun. Sie formierte sich geschickt und ließ nicht außer acht. Nur so wurden Schnieke, Ducke und Pfeifer von entscheidenden Schüßen zurückgehalten.

Dann folgte aber das 2:1. Es war für Motor wie eine Erlösung. Ein langer Paß von Ducke erreichte Pfeifer. Der spurtete an der linken Seite fast bis zur verlängerten Torlinie herunter, schoß scharf ab, das Leder prallte zu Müller zurück, der hatte für Sekunden Zeit zum Schauen und damit wenig Mühe, das Tor zu treffen.

Daß die Hallenser trotzdem nicht zusammenbrachen, war wiederum auf Motors Nervosität zurückzuführen. Man glaubte sich trotz des erneuten Vorsprungs in der Abwehr nicht sicher genug, wollte sie verstärken und und gab damit dem von großem Kampfgeist beseelten Gegner noch einmal die Chance, aufzubegehren. Und das sogar bedrohlich!

Erst in der Schlußphase war Motor noch einmal da. Wiederum brannte es lichterloh im Chemie-Strafraum. Da wurde Ducke bei einem Alleingang gefoult - Freistoß. Pfeifer legte sich den Ball zurecht. Kaum hatte er die Hand vom Leder genommen, kam Müller schon herangebraust und schoß an der unschlüssig dastehenden Mauer vorbei ins Netz. Das bedeutete den endgültigen Sieg.

Ich bin in Jena mit der Überzeugung vom Platz gegeangen, ein gutes Spiel gesehen zu haben. Vor allem, weil sich beide Mannschaften in der Spielart nichts nahmen. Aus diesem Grund wohl auch die Furcht vor dem Gegner auf Seiten der Jenaer. Ich wundere mich, daß sich Motor nach dem Ausgleich so beeindrucken ließ. Gewiß, der SC Chemie war nicht mit jenen Gegnern zu vergleichen, die von den Mannen um Oehler in den letzten Wochen niedergekontert wurden. Der SC Chemie schlug mit der gleichen Klinge zurück, das war sehenswert, das war Klasse.

Die Jenaer Spieler, die nach dem Spiel erschöpft, über den Erfolg natürlich erfreut, in die Kabinen kamen, gaben es selbst zu: "Gegen eine solche Mannschaft wiegt der Erfolg doppelt schwer. Nun, wir hatten uns auf die drei ersten Spiele (Dessau, Halle und Magdeburg) vorerst nur drei Punkte errechnet. Wir sind mehr als zufrieden und haben jetzt wenigstens eine gute Ausgangsposition für die nächsten Kämpfe." Ich kann nur noch hinzufügen, wenn beide Mannschaften diese Leistungsstärke beibehalten, dann kann man sich auf das Rückspiel in Halle schon jetzt freuen, dann werden wir zumindest einer Mannschaft von beiden am Ende der Meisterschaft die Hand zum Aufstieg in die Oberliga schütteln können.

(Helmut Gerhardt in "Die Neue Fußball-Woche" vom 20. März 1956)