2003/2004 11. Spieltag: FC Carl Zeiss Jena - VfB Auerbach 4:1

Aus FCC-Wiki - Wiki vom FC Carl Zeiss Jena
(Weitergeleitet von 03/04 11)
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Spieldaten
Wettbewerb Oberliga, 11.Spieltag
Saison Saison 2003/2004, Hinrunde
Ansetzung FCC - VfB Auerbach
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit Fr. 10.10.03 19:30 Uhr
Zuschauer 2.226
Schiedsrichter Weißenborn (Berlin)
Ergebnis 4:1
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Jena
Tino Berbig
Olaf Holetschek
Markus Grasser, Joachim Schwabe, Gert Müller (78. Robert Böhme)
Daniel Petrowsky Gelbe Karte.gif(87. Thomas Hurt), Alexander Maul, Eric Noll, Kais ManaiGelbe Karte.gif,
Carsten Klee, Miroslav JovicGelbe Karte.gif (78. Vito Benedetti)

Trainer: Joachim Steffens


Auerbach
Fröhlich
Gorschinek
Kramer, Schmidt, Siegemund
Müller, Oehl, StabenowGelbe Karte.gif, BrzoskaGelbe Karte.gif
Kadow, PfohGelbe Karte.gif

Trainer: Kramer

Spielbericht

Es war ein außergewöhnliches Spiel, was die Zuschauer am Freitagabend im EAS geboten bekamen. Das Endergebnis von 4:1 für die Gastgeber lag sicherlich nicht jenseits aller Erwartungen, die Begleitumstände der Partie waren es allemal.

Zum Thema Schiedsrichter ist man in Jena Vieles gewohnt, erst vor knapp 2 Wochen gab es Stoff zur Diskussion. Doch gegen Pößneck erhitzte vornehmlich die Szene mit Grassers angeblichem Abseitstor die Gemüter, gegen Auerbach kam man als Jena-Fan während der gesamtem 1. Halbzeit aus dem Kopfschütteln nicht raus. Das Auftreten des Schiedsrichtergespanns um den Sportfreund Andy Weißenborn aus Berlin kann nur als Kaspar-Hauser-Adaption begriffen werden, offenbar war der gute Mann in den letzten 20 Jahren irgendwo in den Katakomben des Friedrich-Ludwig-Jahn Sportparks eingemauert worden, um ihn auf höhere Aufgaben vorzubereiten, und die einzige geistige Kost, die er während der zwei Jahrzehnte Deprivation zu sich nahm, war ein vom Autorenkollektiv unter Leitung Adolf Prokops herausgegebenes Lehrbuch, mit dem das Regelwerk gründlich reformiert und den Erfordernissen der aufstrebenden Sportvereinigung Dynamo angepasst wurde, so dass der Fußball in der DDR zwischen 1978 und 1988 zu lichten weinroten Horizonten vorstieß.

Dem Sonnenlicht entwöhnt gelang Herrn Weißenborn erstaunlich schnell die Umstellung. Die Auerbacher machten es ihm aber auch leicht, denn sie traten an dem Abend in schwarzer Spielkleidung auf und der Schiri besaß genug Korpsgeist um zu wissen: Das sind die Guten. In der 10. Minute konnte der Andy im Verbund mit seinem Assi an der Linie dann zum ersten Mal zeigen, was er so alles gelernt hat, als Grasser eine Eingabe von Petrowsky ins Tor köpfte. 1:0 für Jena? Denkste! Der Treffer wurde annulliert. Hatte Petrowsky den Ball mit dem falschen Fuß geflankt? Gab es vorher einen Schrittfehler? Besaß die Flanke unerlaubt viel Effet? Nein, der Fehler lag bei Grasser selbst, denn bei seinem Kopfstoß stand er klar auf Höhe des Fünfmeterraumes. Ein Torschuss aus dieser geringen Entfernung - da hat der Torwart kaum eine Chance zur erfolgreichen Abwehr und somit war das wider alle sportliche Fairness und konnte vom Mann in Weinrot natürlich nicht toleriert werden.

Sieben Minuten später eine Szene, über die man sich in Jena schon gar nicht mehr aufzuregen wagt. Einen Schuss von Noll lenkte ein Auerbacher Verteidiger ins eigene Tor, aber da Miro Jovic in der Nähe stand und vermutlich selber einnetzen wollte, ahndete der Referee die ruchlose Absicht und gab den Treffer nicht. So hätte das Spiel bis zum letztendlichen 0:0 weitergehen können, doch bei einem weiten Ball der Auerbacher an Jenas Strafraum stieg ein Vogtländer neben zwei Jenaern zum Kopfball hoch, hatte aufgrund seiner körperlichen Unterlegenheit damit jedoch keinen Erfolg. Der Schiri blieb seiner Linie treu und zeigte folgerichtig auf den Elfmeterpunkt. Was sollte ihm auch anderes übrig bleiben? Kopfball am Mann ist kein Kavaliersdelikt, und wenn man es dann gar zu bunt treibt und den Gegenspieler auch noch überspringt, muss man sich über die Konsequenzen nicht wundern.

Von nun an musste Sportfreund Weißenborn beständig auf der Hut sein, die aufkommende Gegenwehr der Jenaer im Keim zu ersticken. Holetschek konnte noch von Glück sagen, dass er nicht vom Platz flog, als bei seinem Freistoß zwei in der Mauer postierte Auerbacher mit dem Kopf zusammenstießen und anschließend mit Turban weiterspielen mussten. Aber dieser brutale Schuss hatte die Aufmerksamkeit des Referees noch mehr geschärft und in den Vogtländern fand er treue Gehilfen, die ihm das unfaire Spiel der Jenaer durch vielerlei Zeichen zu verstehen gaben. So schaffte es ein Auerbacher Verteidiger gerade noch, einen markerschütternden Schrei durchs Stadionrund dringen zu lassen, als er in einem Laufduell mit Carsten Klee vor dem eigenen Strafraum den Ball zu verlieren drohte, bevor er tödlich getroffen zu Boden sank. Zu seinem Glück war Herr Weißenborn auch ein Wunderheiler, der durch bloßes Hinlaufen zum Tatort die Lahmen und Siechen wieder zum Gehen zu bringen verstand, und so konnte der Leichenwagen vor dem Marathontor stehen bleiben.

Auf Jenaer Seite hatte man von dem schlimmen Treiben aber auch jetzt noch nicht genug und so musste der Andy deutlicher Flagge zeigen. Er brauchte nicht lange warten, denn kurz vor der Pause leistete sich Kais Manai ein besonders dreistes Bubenstück. Im Kampf um den Ball kam es zu einem Zweikampf mit einem Auerbacher Angreifer und da verlor der Tunesier völlig die Nerven: Er spitzelte dem 06er einfach den Ball weg. Was muss nur in ihn gefahren sein? Jedermann im Stadion sah es, da brauchte es keine Fernsehzeitlupe, es war überdeutlich und nur Ignoranten werden es verleugnen: Das war klarste Absicht! Rücksichtslos den Ball abzujagen und einen Angriff zu unterbinden, das konnte sich der Schiri nicht länger bieten lassen. Wer so die Prokopschen Regeln mit Füßen tritt, der hatte vollauf berechtigt Gelb verdient!

Kurz vor dem Halbzeitpfiff dann der einzige Schwachpunkt in der souveränen Spielleitung des Referees während der ersten 45 Minuten. Beim Eindringen Jovics in den Auerbacher Strafraum befiel ihn eine Hüstel-Attacke und dank der Pfeife im Mund war ein deutlicher Ton zu vernehmen. Im Bewusstsein eigener Unfehlbarkeit hatte Sportfreund Weißenborn nicht den Charakter seine Entscheidung zu korrigieren, sondern beharrte auf Ausführung eines Strafstoßes. Holetschek sorgte jedoch dafür, dass dieser Fehler ohne Folgen blieb.

Was sich in der Halbzeit in der Schiedsrichterkabine ereignet haben muss, lässt sich nur erahnen. Irgendjemand fand wohl den Mut, sich Herrn Weißenborn zur Seite zu nehmen und trug ihm zu, was sich in der Zeit alles ereignete, während unser moderner Kaspar Hauser im finsteren Loch seine Sinne schärfte: Alle übergroße Liebe des Herren der Magdalenenstraße zu seinem Volk habe nichts genutzt, es gäbe da gewisse Veränderungen im Lande, selbst das markante Kleinod der DDR-Baukunst liege in Trümmern. Das Ganze nenne man die Wende, es bestünde somit wenig Aussicht darauf, für die heutige Spielleitung eine entsprechende Würdigung zu finden. Alle Spekulation auf den Titel „Verdienter Referee des Volkes“ wäre umsonst, nicht mal ein güldenes DFV-Sportabzeichen mit Schwertern und Pappmaché stehe in Aussicht. Karrierefördernd sei stattdessen, sich bei der Ausführung des Schiedrichteramtes zünftig an den Regeln des reaktionären FIFA-Machwerkes zu orientieren.

Diesen Schock verdaute Sportfreund Weißenborn überraschend schnell. Nur einmal noch wurde der Paulus für einen Augenblick wieder zum Saulus, als ein Auerbacher bei dem Versuch, den Abschlag seines Torwarts mit dem Kopf aufzunehmen, nicht sonderlich glücklich aussah. Zwar war der nächst bei dem Vogtländer stehende Jenaer gut 5 Meter entfernt, der Schiri hielt es nichtsdestotrotz für angemessen, das Spiel zu unterbrechen, damit der 06er seine Frisur neu ordnen konnte. Ansonsten wurde aus der Farce der ersten 45 Minuten jetzt ein Fussballspiel und Jena hatte damit deutlich bessere Karten in der Hand. Bereits vor dem Führungstreffer der Vogtländer drückte der FCC seinen Gegner in dessen Hälfte, kam zu Chancen und hätte auch Zählbares vorzuweisen gehabt, wenn nicht die beschriebene Schiedsrichterleistung zu erleben gewesen wäre.

Bereits nach Auerbachs 1:0 spielte Jena mit Wut im Bauch und berannte pausenlos des Gegners Tor. Doch vor der Pause gelang es noch nicht, mit heißem Herzen zu spielen und trotzdem kühlen Kopf zu bewahren. Vieles wirkte ungestüm, Einigen fehlte die Konzentration und Genauigkeit, besonders Eric Noll lief Gefahr, in dieser Phase zum besten Mann der Vogtländer zu avancieren. Der verschossene Elfer durch Jenas Kapitän war symptomatischer Ausdruck dafür, alles richtig machen zu wollen und dabei doch das Falsche zu tun. Im Gegensatz zu anderen ähnlich verlaufenden Spielen zerbrach Jena aber nicht daran, dass der Dauerdruck bis zur Halbzeit noch nicht zum Ausgleich führte, denn die Mannschaft hatte an diesem Abend nicht nur unbändigen Willen aufzuweisen, sondern besaß auch den Glauben an sich, das Spiel doch noch drehen zu können. Die Szene nach dem gescheiterten Elfer verdeutlichte das. Holetschek war von seinem Scheitern sichtlich geschockt und wandte sich konsterniert vom Tor ab. Da lief Carsten Klee auf ihn zu, rüttelte ihn in des Wortes wahrster Bedeutung wach und ohne Cam-Cat und Richtmikrophone verstand jeder im Stadion, was er seinem Kapitän zu sagen hatte: Kopf hoch Holle! Lass dich nicht hängen! Arsch zusammenkneifen! WIR schaffen das! WIR drehen das Ding trotzdem!

Nach der Pause ließ Klee seinen Worten Taten folgen. Bei den großen Rettungstaten des Auerbacher Keepers in 48 und 50. Minute schien es noch so, als wollte das Pech ewig an den Stiefeln kleben, aber bei dem nie nachlassenden Jenaer Druck brachen in der 52. Minute die Dämme. Gegen Grassers wuchtigen Kopfball ins kurze Eck kannten die Vogtländer kein Mittel, und endlich, endlich war er da, der hochverdiente Ausgleich. Als Mister Flugkopfball himself 9 Minuten später die Jenaer Führung erzielte, erbebte das Stadion und nach Manais 3:1 fiel der leider nur zahlenmäßig kleine blaugelbweiße Anhang in erlösenden Taumel. Nun schaltete Jena im Vertrauen auf den sicheren Vorsprung einen Gang zurück, ohne den Erfolg damit in Gefahr zu bringen. Normalerweise fange ich an, bei derartigem Fußball auf Sparflamme missgestimmt maulend und geifernd auf meinem Sitz hin und her zu rutschen, aber bei dem, was die Truppe vorher leistete, hätte ich es den Spielern auch nachgesehen, wenn sie Thermoskanne und Butterschnitten ausgepackt und es sich im Schatten des Berbigschen Tores gemütlich gemacht hätten.

An Benedettis Aktion in der 81. Minute mochte ich mich indes nicht gewöhnen. Ich will mich mit ihm nicht darüber streiten, ob er seine Berufung eher als Abwehrspieler oder doch als Kunstturner findet. Für das Jenaer Defensivspiel wäre es aber zuträglicher, er würde seine verborgenen Talente besser in der Freizeit offenbaren als in einer Situation, wo sich der FCC im Aufbauspiel befindet. Auch die Wahl Holetscheks als Partner zum spontanen Bockspringen hinter der Mittellinie schien mir nicht glücklich, denn die meisten Zuschauer dürften das Stadion kaum in der Erwartung betreten haben, zwei auf dem Rücken liegende Maikäfer in Gelb zu bestaunen. Zudem sahen sich Joachim Schwabe und Tino Berbig urplötzlich des Ansturms von vier Auerbacher gegenüber und nicht immer finden sich Angreifer, die eine derartige Überzahlsituation durch einen Schuss ans Außennetz zu krönen wissen.

Mit dieser Aktion fanden die Offensivbemühungen der Vogtländer ihr Ende, während der FCC noch etwas in petto hatte. Fünf Minuten vor dem offiziellen Spielende kamen die Jenaer Anhänger dazu, Robert Böhme ein Ständchen zum 22. Geburtstag zu bringen, nachdem dieser den Ball zum 4:1 ins Netz gemogelt hatte. Damit krönte er die hervorragende Mannschaftsleistung des Abends. Vor einem halben Jahr hätte Jena ein solches Match wohl noch verloren. So wie die erste Halbzeit ablief, schien alles gegen das klare Resultat am Ende zu sprechen. Aber am Freitag stand eine MANNSCHAFT auf dem Platz, bei der 11 Musketiere für einander einstanden und die von der 1. Minute an der unbändige Ehrgeiz vereinte, als Sieger vom Platz zu gehen. Wäre der Titel historisch nicht besetzt, könnte man von einem „Triumph des Willens“ sprechen. In dieser Mannschaft standen Spieler, die in den letzten Monaten gereift scheinen. Wer erinnert sich noch an die ersten Auftritte von Kais Manai? Ein Schönspieler war er anfangs für mich, ein Prinz in der Provinz, der zwar gegen leichte Gegner Gefallen darin findet, Haken zu schlagen und drei Mann zu umdribbeln, sich bei resoluter Gegenwehr jedoch nur noch im Querpassen übt. Aus dem Einwechsler von gestern ist heute ein Stammspieler geworden, mehr noch, er ist ein tragender Akteur des Jenaer Spiels und wer sonst als er hätte in dieser eleganten Art das 3:1 erzielen können.

Der Erfolg vom Freitag besitzt für mich einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Aufholjagd in Leipzig oder der Sieg letzte Woche in Halle. Wenn eine Mannschaft ein Spiel in dieser Weise zu ihren Gunsten zu entscheiden vermag, dann ist sie unbestrittener Favorit auf den Staffelsieg, denn eine solche Begegnung noch zu drehen, dafür bedarf es mehr als ein weit über Ligadurchschnitt liegendes Spielpotential, dafür muss eine Mannschaft CHARAKTER haben. Auch wenn Prophezeiungen im Nachgang preiswert zu haben sind, aber bereits zur Halbzeit versicherte ich meinen Begleitern, dass Jena dieses Spiel gewinnen würden, und dass, obwohl ich nicht vor notorischem Optimismus strotze. Nach diesem Freitag ist mir vor Plauen oder Dresden-Nord nicht bange, und wer auch immer in dieser Saison ins EAS reisen und sich für diese Fahrt einen Betonmischer als Mannschaftsbus erwählt, dem soll es nicht besser ergehen als den Zindler-Jüngern, deren Fallstricke aus Moaschendroaht am Ende die Niederlage nicht zu verhindern vermochten.

--Al Knutone