2003/2004 18. Spieltag: FC Oberlausitz Neugersdorf - FC Carl Zeiss Jena 0:0

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Spieldaten
Wettbewerb Oberliga, 18.Spieltag
Saison Saison 2003/2004, Rückrunde
Ansetzung FC Oberlausitz Neugersdorf - FCC
Ort ENSO-Oberlausitz Arena in Neugersdorf
Zeit So. 07.12.03 13:00 Uhr
Zuschauer 706
Schiedsrichter Paffrath (Berlin)
Ergebnis 0:0
Tore
  • Fehlanzeige
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Neugersdorf
Barta
Fröhlich
Haasler, Maglica, Michael
HechtGelbe Karte.gif, KrauseGelbe Karte.gif, Thomas, Havel (78.Gelbrote Karte.gif)
Kubis (72. Kästner), MiltzowGelbe Karte.gif

Trainer: Schulz


Jena
Tino Berbig
Vito Benedetti (89.Gelbrote Karte.gif)
Markus Grasser, Gert Müller, Christian Müller
Stefan TreitlGelbe Karte.gif, Eric Noll, Daniel PetrowskyGelbe Karte.gif (81. Robert Böhme), Kais Manai
Miroslav Jovic, Carsten Klee

Trainer: Joachim Steffens

Spielbericht

Neugersdorf! Bereits vor dem 4. Mai 2003 war die Klassengleichheit des FCC mit dem hier beheimateten Fussballverein Sinnbild für den Niedergang des Jenaer Renommierclubs. Mit dem 30. Spieltag der Oberligasaison 2002/2003 wurde Neugersdorf dann zum Synonym, wie in einer Situation voller zukunftsfroher Erwartung mit für mich bis heute nicht nachvollziehbarer Fahrlässigkeit die mühsam genährte Hoffnung auf die Wiederauferstehung des Jenaer Fußballs zerplatzte.

An diesem Trauma leiden Verein und Fans bis heute. Die Bewältigung ist mühsam, der klare Auftaktsieg gegen den OFC zu Saisonbeginn war nur der Anfang. Abgeschlossen werden wird das Kapitel wohl erst, wenn die Zugehörigkeit Jenas zur Regionalliga manifest ist, doch auf dem Weg dahin musste zum Jahresabschluss der Fussballfreiluftsaison erst das Rückspiel im äußersten Zipfel der Republik bestritten werden. Also quälte ich mich Sonntagmorgen aus dem Bett, las in Leipzig noch einen Kumpel auf, und begab mich auf den Weg in eine Gegend, die mir nicht unvertraut ist, liegt doch in Löbau das Grab meiner Jugend; Stichwort: „Die ersten 24 Jahre sind die schlimmsten!“

Da wir unerwartet frühzeitig das Auto auf dem Parkplatz der euphemistisch „ESAG-Arena“ getauften Spielstätte des FCO abstellen konnten, fand sich noch genug Zeit für die Einkehr ins benachbarte „Erbgericht“, eine dort zu lande „Kretscham“ betitelte Wirtschaft der gehobeneren Art, die sich an diesem Tag fest in Jenaer Hand befand. Sehr zum Leidwesen der heimischen Stammgäste, denn die standen nun vor der Wahl, vor ihrem Sonntagsschmaus entweder lange zu warten oder ihren Tisch doch mit Gestalten wie meinem Kumpel und mir teilen zu müssen, von denen sie nicht wussten, ob es nur harmlose Wandersgesellen seien oder doch marodierende Fussballfans, über die es ja so schröckliche Dinge zu lesen gibt. Der Hunger obsiegte allenthalben und so kam es, dass zwei ältere Ehepaare unsere Tischgesellen wurden, auch wenn sie nur zögerlich Platz nahmen. Da wir weder zotige Witze rissen noch laut rülpsten und stattdessen die Fragen unserer Tischnachbarn artig parlierten, wich schnell deren anfängliche Scheu und sie begannen neugierig Auskunft über unser Begehr zu erlangen. „Ja, ja, auch wir sind tatsächlich Fussballfans“, versicherten wir ihnen. Zwar würden wir im Stadion und auf dem Weg dahin gelegentlich laut und falsch die Jugend verderbende Gesänge anstimmen, trotzdem wüschen wir uns vor dem zu Bett gehen die Füße und gingen einem geregelten Tagwerk nach.

Der Kulturschock wirkte, und als wir dann noch behende mit dem Besteck umgingen und Zeugnis von unserer akademischen Bildung gaben, war die Verzückung auf der Gegenseite wirklich groß. Mein Kumpel und ich verstanden es natürlich, die uns gewogene Stimmung auf den FCC zu übertragen und nur die knapper werdende Zeit verhinderte, dass wir uns ohne neue Begleiter in den Fanblock aufmachten. Eine halbe Stunde länger in dieser Runde, und eine der älteren Damen hätte es gewiss nicht nur dabei belassen, sich künftig die Jenaer Spielergebnisse genau zu notieren, sondern wäre wohl freudig der Horda Azzurro beigetreten. Leider mussten wir fünf Minuten vor Anpfiff in Eile aufbrechen, wobei wir über die uns zugeworfenen Kusshände leichtfertig vergaßen, unseren Gesprächspartnern den Hinweis zu erteilen, dass die Anhänger des FC Carl Zeiss mitnichten für die Gesamtheit der Fussballfans stünden: Sollte in naher Zukunft ein rotweißer Hunnensturm eines insolventen Fussballvereins aus der thüringischen Landeshauptstadt in ihr verträumtes Städtchen einfallen, sei es dringend angeraten, beständig auf die Handtasche zu achten und die gute Brosche an der Bluse besser gleich ganz zu Hause zu lassen.

Mit dem Besuch im „Erbgericht“ hatten mein Kumpel und ich unwissentlich den Höhepunkt unseres Auswärtstrips erfahren, denn das kulinarische Vorspiel samt Plauderrunde sollte sich als ansprechender erweisen gegenüber dem Fussballmatch, was wir als Hauptgericht erkoren hatten. Meine Illusionen über den Charakter der anstehenden Begegnung schwanden bereits beim Durchschreiten der Eintrittspforte im Stadion, denn der Zugang war liebevoll wie eine Bobbahn präpariert; kein Körnchen Streusand sollte den Gästefans eine Rutschpartie verderben. Der erste Blick auf den Rasen machte deutlich, dass man auch hier keine Halbheiten zugelassen hatte, denn uns strahlte eine von allen Räumversuche unbefleckte, rund 5 cm hohe Schneedecke entgegen, die nur durchschnitten war von den Spielfeldmarkierungen. Hätte die Schneekanone nicht gestreikt, wären es wohl auch ein paar Zentimeter mehr geworden, aber auch so standen die Chancen für die Oberlausitzer nicht schlecht, die zu erwartenden technischen Vorteile ihrer Gästen aus Thüringen drastisch zu reduzieren, denn durch Kombinationsspiel zum Erfolg zu gelangen, das war auf diesem Geläuf faktisch unmöglich. So war von Beginn an klar: Die bessere Physis und Konzentration würde dieses Spiel entscheiden, König Zufall das Zepter schwingen und General Winter für weitgehende Gleichheit der Mittel im Zweikampf beider Mannschaften sorgen, eine Egalität freilich, die niedrigstes spielerisches Niveau garantierte.

In der ersten Halbzeit erfüllten sich diese Neugersdorfer Intentionen nur bedingt, denn Jena verzettelte sich nicht im Kleinklein sondern operierte viel mit Direktspiel und langen Bällen. Bereits in der Anfangsviertelstunde ergaben sich dadurch Chancen für Jovic, Klee und Benedetti, die aber wegen vermeintlichem Abseits oder verspringender Bälle noch nicht zum Erfolg führten. Dafür hätte es bald bei Tino Berbig geklingelt, denn, angefangenen von einem Fehler im Mittelfeld, ließen sich mehrere Blaugelbweiße verladen und ein FCO-Stürmer stand plötzlich frei vor Jenas Keeper, der seinem Neugersdorfer Widerpart nur noch zurufen konnte, dass der Weihnachtsmann es bestimmt nicht gern sieht, was er sich jetzt vorgenommen hat, und die Aussicht auf die Rute zum Heiligabend schreckte den FCOler wirklich so sehr, dass er dass den Ball nicht in die Maschen setzte.

So konnte man als Zeissfan kurz durchatmen und Luft für den Torschrei sammeln, denn zwei Minuten nach dieser Szene zirkelte Manai einen Freistoß von der Strafraumgrenze ins kurze Eck des Oberlausitzer Gehäuses. Zum Verhängnis für Jena wurde, das der Ball dabei allerdings nicht im Tornetz landete sondern der Neugersdorfer Keeper das Leder mit einer Parade abwehrte, wobei er aber mit der gesamten Unterarmlänge hinter die Grundlinie greifen musste, um den Ball noch zu erreichen (Ich stand genau in Verlängerung der Grundlinie, die der Ball ca. einen halben Meter nach hinten überschritten hatte). Obwohl dem Linienrichter auf der gegenüberliegenden Seite durch den Torwart die Sicht verdeckt war, hätte er das angesichts der Deutlichkeit des Überschreitens der Grundlinie eigentlich genau so sehen müssen, aber entweder war der kein Freund von Haarspaltereien, gefangen war schließlich gefangen, oder für den FCO-Keeper Barta zahlte sich aus, dass er mal mit Hurbinek und Spejbl in einer Trainingsgruppe war und der Assi an der Linie ein Faible für Hampeln, Strampeln und zappeliges Herumspringen hatte.

Nach diesem nicht gegebenen regulären Tor gab es noch weitere mittelprächtige Chancen für Jena, während es auf der Gegenseite nur noch gefährlich wurde, als Stefan Treitl eines der wenigen Überraschungsmomente im Spiel schuf und unfreiwillig zu einem Hackentrick vorm eigenen Strafraum ansetzte. Ein richtig dickes Ding hatte kurz vor Halbzeit dagegen Carsten Klee auf dem Fuß. Nach einem langen Pass von Manai aus dem Mittelfeld in die Spitze marschierte er mutterseelenallein auf Bartas Tor zu, schoss den Ball aber über die Querlatte. Dieses Tor musste er eigentlich machen. Hier lag das größte Manko des Jenaer Spiels. Was gegen Dresden-Nord noch excellent gelang, als in der ersten Halbzeit die wenigen Möglichkeiten eiskalt verwandelt wurden, das klappte bei winterlichen Temperaturen weder bei Jenas Goalgetter noch bei seinen Mitspielern. Zum Glück stand die Abwehr trotz der notwengig gewordenen Umstellungen wenigstens sicher, denn unter diesen Umständen einem Rückstand hinterher laufen zu müssen, wäre der sichere Tod für den FCC gewesen.

Nach der Pause verflachte das Spielniveau stark. Zudem ließ sich der FCO jetzt häufiger vor dem Jenaer Kasten blicken, wobei der Neugersdorfer Stürmer Hecht in den Mittelpunkt rückte, nicht weil er für Aufregung im Thüringer Karpfenteich sorgte, sondern weil er beständig auf das Schinden von Freistößen aus war und in Strafraumnähe reflexhaft „Huuhs“ und „Ahhs“ ausstieß, um dem Schiri die Schwere der an ihm begangenen Fouls zu signalisieren. Der verstand sich als Förderer dieses jungen Talents und pfiff bereitwillig, doch der FCO vermochte kein Kapital daraus zu schlagen, auch wenn sie in der Anfangsviertelstunde der zweiten Halbzeit zu einigen Ecken und Freistößen kamen. Jena vermochte allerdings auch nichts mehr wirklich Aufregendes zu Wege zu bringen, ein Drehschuß Jovics ins Torwarteck (52. Min.) und ein Solo des an diesem Tage das bisher beste Spiel im Zeissdress zeigenden Christian Müller in der 80. Minute waren die besten Szenen der zweiten Hälfte. Nur als Miro Jovic in 62. Minute mit dem Rücken zu Gegners Tor stehend so lange mit dem Hintern wackelte, bis er sich um den Verteidiger herumgemogelt hatte und den Ball an den Pfosten setzte, gab es eine 100%ige Chance zur Führung für den FCC.

So wäre das Spiel wohl behutsam dahinplätschernd zu Ende gegangen, wenn zwei Gelbrote Karten in der Schlussphase nicht noch für Abwechslung gesorgt hätten. Die erste gab es auf Neugersdorfer Seite, als ein bereits verwarnter Spieler eine Jenaer Flanke erst mit der Hand stoppte und anschließend den Ball wegschlug; eine Entscheidung, die völlig regelkonform war. Wegen ihrer Härte fürchte ich sofort eine Konnzessionsentscheidung, doch meine Sorge sollte grundlos sein, denn was sich Vito Benedetti zum Spielende einfallen ließ, das reichte auch allein für einen vorzeitigen Gang in die Kabine. Eigentlich wollte ich ihn diesmal lobend herausstellen, weil er, bedingt durch den Charakter des gestrigen Kampfspiels, an diesem Tag seine alten Tugenden wie Bissigkeit und Einsatzwillen wesentlich besser als in den meisten Begegnungen zuvor einbringen konnte. Doch schon sein hartes, gelbwürdiges Einsteigen an der Mittellinie kurz vor Ultimo empfand ich als übertrieben. Richtig in Rage brachte mich jedoch seine Reaktion danach. Erst lief er dem Schiri davon, ohne dass der ihm die Karte zeigen konnte und war nur durch Stefan Treitls verbalen Tritt in den Allerwertesten zur Umkehr zu bewegen. Als er den Karton dann tatsächlich vor die Nase gehalten bekam, fing er sofort an zu geifern, und viele Schiris hätte bereits da zum zweiten Mal nach den Karten gefingert. Herr Paffrath aus Berlin blieb allerdings ruhig, im Gegensatz zu Stefan Treitl, der Vito nochmals lauthals anrachte, damit dieser endlich seine Klappe hält, und am liebsten hätte Jenas Kapitän seinen heißblütigen Kollegen wohl in einen Sack gesteckt und erst unter der kalten Dusche wieder rausgelassen. Doch zu seinem Unglück war kein passendes Leinen zur Hand und Benedetti sann noch immer auf Satisfaktion und fing an, die Entscheidung des Schiedsrichter demonstrativ zu beklatschen. Darauf endete bei diesem dann doch der Langmut, denn offenbar wollte Herr Paffrath nicht warten, bis ihn Vito als nächstes mit Schneebällen beschmeisst, und zückte nun endlich die zweite Gelbe, um die Jenas kleiner Italiener so wacker gekämpft hatte. Das alles spielte sich wenige Meter vor den Augen von Achim Steffens ab, an dem vorbei sich Vito auf die Bank schlich, und das demonstrative Vorbeisehen des Jenaer Trainers an seinem Spieler drückte besser als 1000 Worte dessen Sichtweise des Geschehens aus: Dümmer gehts nimmer!

Für das Spielergebnis blieb diese Episode am Ende ohne Einfluss und mit der Rückkehr der Verletzten und Gesperrten in der Abwehr nach der Winterpause wird Benedettis Fehlen kaum als solches auffallen. Für Vito selbst hingegen wird die Geschichte bedeutsamer sein, wirft sie doch die Frage auf, ob er generell die nötige mentale Reife besitzt, um Fussballspielen berufsmäßig betreiben zu können. Aus meiner Sicht hat er sich damit auf längere Sicht aus dem Kader der 1. Mannschaft gespielt, denn derart kindisches Verhalten kann unter anderen Konstellationen über den Ausgang einer ganzen Saison entscheiden und darauf sollte man es in Jena nicht ankommen lassen.

--Al Knutone