2005/2006 01. Spieltag: Wuppertaler SV Borussia - FC Carl Zeiss Jena 1:3

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Spieldaten
Wettbewerb Regionalliga, 01. Spieltag
Saison Saison 2005/2006, Hinrunde
Ansetzung Wuppertaler SV - FCC
Ort Stadion am Zoo
in Wuppertal
Zeit Sa. 30.07.05 14:00
Zuschauer 5.054
Schiedsrichter Gagelmann (Bremen)
Ergebnis 1:3
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Wuppertal
Maly
Schaffrath (46. Narewsky), HyzaGelbe Karte.gif, Wiwerink, StuckmannGelbe Karte.gif
Pfingsten (46. Gensler), Mehnert, Bayertz, Lejan
Tokody (71. Heinzmann), PolicellaGelbe Karte.gif

Trainer: Fuchs


Jena
Daniel Kraus
Holger Hasse
Faruk Hujdurovic, Alexander MaulGelbe Karte.gif
Tobias Werner, Ronny Thielemann, Ralf SchmidtGelbe Karte.gif (88. Tim Erfen), Torsten Ziegner, Maik KunzeGelbe Karte.gif
Mark Zimmermann, Sebastian Hähnge

Trainer: Heiko Weber


Auswärtiges Amt im Bergischen Land. Die Wuppertaler Reise (Spielbericht)

Eintrittskarte

Ins Bergische Land also sollte es gehen, zum ersten Auswärtsspiel des großmächtigen und wieder zur alten Stärke gelangten FC Carl Zeiss Jena. Ich fühle mich verpflichtet, mein auswärtiges Amt anders und ernsthafter als die Demagogen zu Berlin wahrzunehmen und mich nicht aus der fanpolitischen Verantwortung zu stehlen. Da jedoch niemand Interesse an einer Fahrgemeinschaft mit mir bekundete, entschloss ich mich, den Trip mit Zwischenstationen im Eichsfeld nahe Heiligenstadt zu verbinden.

Wenn man freitags gegen Mittag im Reußischen Oberland aufbricht und über die Bundesautobahnen 9 und 4 gen Nordwesten strebt, erlebt man den sich ewig verjüngenden Aufschwung Ost am eigenen Leibe – Baustellen, Stopp and Go, Staus - unsere Zukunft muss eine prächtige sein! Nach endlosen Stunden bei mörderischer Hitze in der so genannten Landeshauptstadt angekommen, bereitete es mir einmal mehr Vergnügen, im kompletten Jenaornat durch die City zu cruisen und die unwilligen Blicke der neben und hinter mir Fahrenden einzuheimsen. Es ist eine Lust, zu leben! Im katholischen Teil Thüringens angekommen, trank ich nächtens mit Freunden hinter verschlossenen Türen, so ist der Brauch, wenn man Messen nicht für Ausstellungen hält und sonntags auf harten Bänken brav Männern in uneleganten Kleidern lauscht.

Schwere Unwetter verschlief ich berauscht und friedlich, bevor samstags über das Kasseler Kreuz mit der A44 die Magistrale ins Ruhrgebiet gewonnen wurde, die sich streckenweise wie eine alte Zonen-Autobahn geriert und einem das Lenken bei 200 Stundenkilometern zur Herausforderung werden lässt. Hier und da schon ein blau-gelb-weiß-beschaltes Wägelchen und so ist des Hupens und Grüßens kein Ende. In Verl bei Unna lade ich einen alten Studienkollegen aus Jenaer Tagen ein, einen 60er eigentlich, dem jedoch mittlerweile zwei Fußballherzen im Busen schlagen. Wir bestaunen die anheimelnde Villengegend um das Wuppertaler Stadion am Zoo und sammeln uns dann mit einigen anderen Hundertschaften von der Saale im Gästefanblock. Für einen Thüringer immer wieder deprimierend sind die als Bratwürste kostümierten tierischen Produkte, die man am Imbissstand für stolze 2,50 Euro verkaufte. Getoppt wurde das Nahrungsmittelangebot freilich noch durch das Warsteinerfresh, dass ich trotz aller Warnungen meines Ruhrpottfreundes zu goutieren mich anschickte. Ich habe ja früher schon ganz andere Sachen getrunken und vom seligen Hansabräu will ich gar nicht erst anfangen, was ich aber im Wuppertaler Stadion trinken sollte, das grenzte an Körperverletzung! Pfui Deubel!

Das Spiel selbst ließ sich gut an und letztenendes haben wir verdient gewonnen, auch wenn man sagen muss, dass sich die Borussia eher schwach präsentierte und die Zeissianer in der Phase nach dem Unentschieden das Glück auf ihrer Seite hatten. Unsere Anhänger verstreuten sich im weitläufigen Gästebereich und so lief der Support meines Erachtens nicht immer in der Form, wie er auswärts eigentlich zu leisten wäre. Stellenweise über weite Strecken müde und tonlos entbehrte es irgendwie der ordnenden Hand – wo war eigentlich der Hordamann mit dem Megaphon? Erst das „Auf Wiedersehen“ an die sich nach dem 3:1 vorzeitig verabschiedenden Wuppertaler Zuschauer und das abschließende Uffta brachte samt Schlusspfiff und Siegesrausch wieder Leben in die Bude. Schade freilich auch, dass die Heimfans sich so wenig hören ließen. Das Tribünchen ließ eigentlich eine gute Akustik zu und ihr gegenüber standen Hunderte WSV-Fans in einem großen Block: Dennoch überkam mich die klassische Gänsehaut nur kurz nach dem Ausgleich der Hausherren, als sich die zwei rot-blauen Zentren im Wechselgesang erprobten und nach einem herrlichen Trompetensolo ein mächtig chorisches „Attacke“ erklang. Individueller Höhepunkt natürlich unser Singsang an die gegnerische Partei, dass ihre Straßenbahn verkehrtherum fahre, was haben wir gelacht, obzwar es ein dummer und alter Witz ist, aber dennoch immer wieder ein guter.

Mein Wagen stand natürlich am anderen Ende des Gästeeingangs und so bahnten wir uns den Weg durch die vielen verärgerten und auch verdutzten Wuppertaler Anhänger. Doch Ärger gab es keinen, im Gegenteil: Manche gratulierten uns verbal, andere nickten uns freundlich zu, Hände wurden geschüttelt und Gespräche geführt. Gleich gegenüber der Schwebahn in einer orientalischen gastronomischen Einrichtung erstanden wir mangels anderer und richtigerer Getränke ein kühles Kölsch und wurden dann beim Heraustreten belehrt, dass jener Laden ein Treffpunkt für die Hooliganszene sei. Wir haben davon nichts mitbekommen! Dagegen blieb mir ein Schaltausch, ich hatte deren vier dabei, mit einem Wuppertaler Jung nicht erspart. Der sichtlich beschwipste oder anderweitig zugedröhnte Jugendliche behauptete, ursprünglich aus Halle und ein Fan von Chemie (sic!) zu sein. Ob er hoffte, mich mit derartigen Informationen gewinnen zu können! Sei’s drum, ich habe jetzt einen Jenaschal weniger und dafür eine rot-blaue Trophäe, die ich mir an den Hosenbund oder Sattelknauf hängen kann. Denn verbrennen oder schlicht abfackeln möchte ich das Teil nicht, dafür stand ich zu einträchtig mit drei Herren und sang „Nieder mit RWE“, wobei es niemandem Abbruch tat, dass ich Erfurt meinte und sie an Essen dachten. Gemeinsame Kürzel-Feindschaft verbindet und so sollten wir beim Rückspiel den Wuppertalern einen netten und freundlichen Empfang bereiten.

Die Rückfahrt nutzte ich mit meinem sachkundigen Führer, um das fußballträchtige Revier von der Autobahn aus zu begutachten. Was für Assoziationen und was für eine Fußballgeschichte verbinden sich mit den Namen Dortmund, Schalke, Bochum, Essen, Oberhausen, Duisburg und so vielen anderen mehr – ich gebe es gerne zu, am Ruhr- und später auch am Westfalenstadion vorbei fahrend, gewahrte ich im Schatten dieser Fußballkathedralen ein ganz klein wenig den Geruch der großen Fußballwelt. Und dennoch möchte ich die gestylte BVB-Heimstatt nicht gegen das EAS eintauschen, wo ich einige meiner glücklichsten und auch schlimmsten Stunden in meinem Leben erfahren durfte. Erst sonntags gegen Mittag zurück an den Hängen des Thüringer Meeres, was soll bloß diese Saison aus meinem Privatleben werden, wenn ich tagelang gen Nordwesten segle?


[yorick]