2008/2009 22. Spieltag: FC Carl Zeiss Jena - FC Rot-Weiß Erfurt 1:1

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Spieldaten
Wettbewerb 3. Liga, 22. Spieltag
Saison Saison 2008/2009, Rückrunde
Ansetzung FCC - FC Rot-Weiß Erfurt
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit Sa. 14.02.2009 14 Uhr
Zuschauer 13.500 (ausverkauft;
Gesamtkapazität war begrenzt)
Schiedsrichter Tobias Welz (Wiesbaden)
Ergebnis 1:1
Tore
  • 0:1 Cannizzaro (58.)
  • 1:1 Mayombo (90.)
Andere Spiele
oder Berichte
Programmheft
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Aufstellungen

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Jena
Carsten Nulle
Tim WuttkeGelbe Karte.gif, Robert Müller, Tim PetersenGelbe Karte.gif, Ralf Schmidt
René Eckardt
Carsten Sträßer (77. Niels Hansen), André Schembri (61. Excaucé Mayombo), Torsten Ziegner
Sebastian Hähnge

Trainer: René van Eck

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Erfurt
Dirk Orlishausen
Alexander Schnetzler, Norman Loose, Jens Möckel, Bastian Pinske
Samil Cinaz, Matthias Peßolat
Martin HauswaldGelbe Karte.gif (82. Tino Semmer), Thiago Rockenbach da SilvaGelbe Karte.gif (67. Fabian Stenzel)
Chhunly PagenburgGelbe Karte.gif (88. Denis Wolf), Massimo Cannizzaro

Trainer: Karsten Baumann

Spielbericht

Derbynachbetrachtung: Fußball im Gagaland

Offizieller Anpfiff für das Thüringenderby war Samstag um 14 Uhr, doch der Kampf zwischen Jena und Erfurt um die fußballerische Vorherschaft im Land tobte schon vorher erbittert, wenn auch auf Nebenkriegsschauplätzen. Beide Vereine kämpfen um neue Stadien, wobei sich Erfurt in Vorhand wähnt und Ende November letzten Jahres ein gut 40 Millionen Euro teures Projekt präsentierte, dessen komplette Finanzierung der Steuerzahler bitte übernehmen möge; schließlich sei es ja im vorrangig öffentlichen Interesse, für drittklassige Profikicker ein erstklassiges Umfeld zu schaffen. Zweifel an der Sinnhaftigkeit räumte RWE-Präsident Rombach mit den markigen Worten aus: "Mit dem heutigen Tag haben wir den Zug auf das Gleis gestellt, und eins kann ich Ihnen versprechen, diesen Zug hält keiner mehr auf."

Angesichts von mehr als 1,5 Millionen Schulden dürften die Eigenmittel des Vereins ungefähr zum Kauf einer Spielzeugbahn ausreichen, die man als symbolisches Zeichen für die Unaufhaltsamkeit dieses Prestigeobjektes im Dauerbetrieb um das Stadionmodell tuckern lassen kann. Doch durch Erfurts Vorpreschen sah sich Jenas Vereinsspitze genötigt, den eigenen Fans gleichfalls solch ein imposantes Luftschloss zu präsentieren. Damit nicht genug: Als Zeichen des Vertrauens und zur Belohnung für die Treue der eigenen Anhängerschaft erklärte man, beim Kauf von Derbykarten großzügig auf die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses zu verzichten. Stattdessen beschied man sich damit, von allen Zuschauern nur die Personalausweisangaben abzufordern und bis zum Ende des Spiels zu speichern. Danach würden selbstredend alle Daten gelöscht und somit vor Missbrauch geschützt, was ja in Deutschland ohnehin nicht vorkommen kann.

Trotz dieser generösen Geste warfen tatsächlich einige Kleingeister die Frage auf, ob durch die namentliche Kenntnis der 13500 Stadionbesucher bei eventuellen Zwischenfällen der Kreis potentieller Tatverdächtiger nicht doch etwas groß geraten und die Datensammelei deshalb völliger Humbug sei. Engagierte Vorkämpfer für Demokratie und Bürgerrechte wie Erich Mielke würden sich bei solch kruden Argumenten wahrscheinlich im Grab umdrehen; schließlich muss ja niemand das Speichern persönlicher Daten fürchten, wenn er nichts zu verbergen hat. Mielke würde allerdings zu bedenken geben, dass die Datensammelei wegen des gefühlsduseligen Individualschuldprinzips eigentlich ein stummes Schwert sei und es schon effektiver wäre, auf historisch bewährte Sanktionsmittel wie Sippenhaft und Kollektivstrafen zu setzen, mit denen sich Freiheit und Rechtsstaatlichkeit noch viel besser schützen ließen. Vielleicht tut sich da in Zukunft ja noch etwas.

Auf dem Rasen tat sich am Samstag hingegen ziemlich wenig. Vier gelbe Karten nach einer halben Stunde machten allenfalls klar, dass beide Mannschaften nicht mit dem Vorsatz ins Spiel gingen, am Valentinstag Biedermeier-Sträußchen und Pralinenherzen zu tauschen. Jena wie Erfurt vorrangig darum bemüht, keine gegnerischen Chancen zuzulassen, dann wenn es auch kaum Schöneres gibt, als ein Derby zu gewinnen, so ist es doch noch dreimal schlimmer, ein solches zu verlieren. Die Gäste konnten sich eine Abwartetaktik nach dem Hinspielsieg ohnehin eher leisten und beschränkten sich daher aufs Kontern. Das sah zum Teil ganz nett aus, doch je näher der Strafraum rückte, umso weniger zwingend war das Ganze. Ein einziges Erfurter Schüsschen kam vor der Pause direkt auf Nulles Kasten, abgegeben durch Chhunly Pagenburg, jenen Nürnberger kambodschanischer Abstammung, mit dem Erfurt künftig in gegnerischen Strafräumen ein Schreckensregime der Rot-Weißen Khmer errichten will.

Ähnlich brandgefährlich war der RWE auch beim letzten Derby auf Jenaer Boden im Oktober 2005. Im Unterschied zu damals konnte der FCC aus der Passivität allerdings kein Kapital schlagen sondern zeigte Beamtenfußball vom Allerfeinsten: Oli Bierhoff-Gedächtnisflanken aus dem Halbfeld, irgendwie in Richtung der einzigen Spitze Hähnge gedroschen. Zelebrierte Einfallslosigkeit, in deren Folge sich das spielerische Niveau auf Höhe der Rasenheizung bewegte. Einzig André Schembri bot sich Ende der ersten Hälfte eine Chance aus dem Spiel heraus; zu wenig, um den Gegner unter Druck zu setzen, geschweige denn das eigene Publikum zu begeistern.

Statt Besserung in der zweiten Halbzeit gabs in der 58. Minute den absoluten Tiefschlag. Petersen wehrte einen Ball zu kurz und unpräzise per Kopf in die Mitte ab, Erfurt schaltete schnell um, der Ball kam im Jenaer Strafraum zu Monchhichi Papenburg, dessen Schuss aus 13-14 Metern Nulle noch großartig parierte, aber gegen den Nachschuss von Canizarro chancenlos war. Nun brach das Jenaer Kartenhaus völlig zusammen, auch wenn Hähnge kurz darauf nach einer Freistoßflanke Ziegners per Kopf nur knapp das leere Erfurter Tor verpasste, nachdem Orlishausen grad mal auf Schnuppertour ging durch die unendlichen Weiten des 16-Meterraumes. Der FCC war sichtlich geschockt.

Tränen rollten über die Wangen meiner Tochter: „Die Schweine dürfen nicht gewinnen!“ Gern hätte ich sie getröstet, aber nach einem baldigen Ausgleich sah es in der letzten halben Stunde wirklich nicht aus. Erfurt bekam sichtlich Oberwasser, gefiel jetzt mit schönem, schnellem Kurzpassspiel, bei dem Jenas Defensive häufig einen Schritt zu spät kam, nicht nur physisch sondern auch gedanklich hinterher lief, so wie in der 83. Minute, als man bei einem direkten Erfurter Freistoß aus zentraler Position gut 25 Meter vor Nulles Kasten mal eben meinte, keine Mauer stellen zu müssen. Zum Glück war Erfurts Cinaz kein Ziegner und Jena spielte mit einem Torwart statt einem Orlishausen und so blieb es beim knappen 0:1. Aber was nutzte das alles, wenn Jenas Angriffstaktik offenbar am Reißbrett eines Plattenbauarchitekten entworfen wurde? Hier konnte nur noch der Zufall helfen.

Genau darin sollte ich mich irren, denn wenn es eine Gesetzmäßigkeit im Thüringer Fußball gibt, dann ist es der Umstand, dass unter Erfurts Anhängern mehr Vollpfosten zu finden sind als sämtliche Baumärkte westlich des Ural je in ihrem Sortiment führen werden. Während des Spiels kündeten „Ziegner – Zigeuner“-Rufe und vereinzelte Böllerwürfe schon von der ungeheuren Kreativität der RWE-Fans. Für ihre Kür hatten sich die rot-weißen Kloppis jedoch bis zur 87. Minute Zeit gelassen, denn als die eigene Mannschaft gerade dabei war, das Match locker und abgeklärt nach Hause zu schaukeln, ging ein nettes kleines Rauchbömbchen im Gästeblock hoch. Anlass genug für den Schiri, das Spiel zumindest vorläufig zu beenden.

Während die Elite der RWE-Fans für Bilder sorgte, bei deren Kenntnis es Charles Darwin vor 140 Jahren wesentlich leichter gefallen wäre, seine These von der Abstammung des Menschen zu belegen, sah sich das bis dato friedlich vor sich hin dösende Jenaer Publikum durch diese Szene aus seiner Agonie geweckt. Klangen zehn Minuten vorher noch vereinzelte „Wir wollen euch kämpfen sehen!“-Sprechchöre durchs Stadion, so entledigten sich viele, die vorher still und kopfschüttelnd die einfallslosen Jenaer Ausgleichsbemühungen verfolgt hatten, nun ihres intellektuellen Dünkels und stimmten ein in den vielstimmigen „SCHWEINE RWE!“-Choral, der die Blau-Gelb-Weißen beim Wiederbetreten des Rasens empfing. Noch gab es eine gut fünfminütige Galgenfrist bis zu dem Punkt, da sich rot-weißer Hohn und Spott über Jena ergießen und ein wochenlanges „Wir sind die Nummer 1“-Geblöke folgen würde.

Fast wäre diese Fünfminutenfrist verkürzt wurden, denn erst Semmer und vor allem kurz darauf Canizarro boten sich Riesenchancen, den Sack mit einem 2:0 endgültig zu zu machen. Doch beide Male stellte sich Ihnen Nulle in den Weg und wer trotzdem noch Zweifel hegte, ob Jenas Keeper eine Derbypleite wirklich ärgern würde, der wurde in der zweiten Minute der Nachspielzeit eines besseren belehrt: Taktisches Foul von Erfurt im Mittelfeld, vom Schiri mit Freistoß geahndet. Anlass für Nulle, so wutentbrannt aus seinem Sechzehner zu sprinten, dass für mich nur die Frage stand, ob gleich das foulende Effchen oder eher der kleinlich pfeifende Mann in Schwarz mit Kieferbruch auf dem Rasen liegt. Doch Nulles Ziel war nicht Blutrache sondern der gegnerische Strafraum; eine Szene, die bei vielen Zeissfans wieder die Erinnerung wach rief an jene magische 120. Minute des letztjährigen DFB-Pokalspiels in Stuttgart. Und wo vorher resignierendes Schweigen herrschte, da füllte nun ein tausendfaches „NULLE! NULLE!“ das Rund.

Ziegner trat den Freistoß, so gut oder schlecht wie schon dutzendfach zuvor. Nulle stieg mit hoch zum Kopfball, und wenn er auch nicht an den Ball kam, so schien seine zuvor mit dem 100 Meter-Sprint demonstrierte absolute Entschlossenheit doch beflügelnd zu wirken auf die Mannen in Blau-Gelb, denn die Fehlfarbenen bekamen den Ball nicht aus der Gefahrenzone, bis dieser schließlich durch Robert Müller blind in den Strafraum verlängert wurde, wo erst Tim Petersen knapp verpasste und dann auch Exaucé Mayombo, fast zumindest, denn bevor die Kugel dem seelenruhig in Gebärstellung auf der Grundlinie verharrenden Pannen-Orli direkt in die Arme flog, touchierte Jenas A-Junior den Ball noch leicht, so dass er dem Trottel vom Steigerwald durch die Beine kullerte. YEAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Unglaublicher Jubel danach beim Thüringer Anhang, auch noch nach dem Abpfiff, als habe man soeben den EC gewonnen. Ebenso grenzenlose Fassungslosigkeit bei den Orks, denen der bereits gedanklich verbuchte Dreier noch entrissen wurde. Es war ein gefühlter Sieg für Jena, den man entsprechend feierte, voll ausgelassener Schadenfreude darüber, dem Erzrivalen wenigstens ans Bein gepisst und einen rot-weißen Triumphzug im EAS kurz vor Ultimo verhindert zu haben. Vergessen schienen 90 Minuten, die unmissverständlich deutlich machten, dass Sprüche vom „Nochmal oben angreifen!“ und ähnliches aus Jenaer Munde völliger Kokolores sind. Der FCC ist so mittelmäßig, wie es der Tabellenplatz aussagt. Es geht für Jena in dieser Saison nur noch um die goldene Ananas – mit einer Ausnahme: Dem Thüringenpokal, wo man irgendwann wieder mit Rot-Weiß die Klinge kreuzen wird und als Jenaer Spieler zum dritten Mal die Chance hat, diversen großspurigen Ankündigungen im Derbyvorfeld endlich mal Taten folgen zu lassen.

--Al Knutone