1974/1975 EC II 3. Spiel: FC Carl Zeiss Jena - Benfica Lissabon 1:1

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Spieldaten
Wettbewerb EC II, 2. Runde Hinspiel
Saison Saison 1974/1975
Ansetzung FC Carl Zeiss Jena - Benfica Lissabon
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit Mi. 23.10.1974 17:30
Zuschauer 20.000
Schiedsrichter Hungerbühler (Schweiz)
Ergebnis 1:1
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
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Jena
Hans-Ulrich Grapenthin
Helmut Stein
Gert Brauer, Konrad Weise, Lothar Kurbjuweit
Harald Irmscher, Ulrich Göhr, Rainer Schlutter
Peter Ducke, Norbert Schumann (73. Harry Kunze), Eberhard Vogel

Trainer: Hans Meyer

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
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Lissabon
Bento
Humberto
Malta da Silva, Barros, Artur
Martins, Eusébio, Simoes (80. Gracia)
Toni, Nené, Baptista

Trainer: Milorad Pavić


Spielbericht

Unterricht in Sachen Technik und kollektiver Ausgewogenheit

Die Reaktion des Publikums gleicht der eines Seismographen, an ihr läßt sich vieles ablesen. Kaum einer der 20000 Besucher machte seiner Elf ob des 1:1 - möglicherweise bedeutet es Jenas Ausscheiden - einen Vorwurf, warf einen Stein auf sie. Schon beim Abgang wurde, zwischen zwei Bissen in schmackhafte Bratwürste, diskutiert, und manch treffendes Urteil war zu hören. "Unsere haben gekämpft, aber technisch war Benfica besser", sagten die einen. "Die hatten keinen schwachen Punkt", meinten die anderen. Und dritte wieder urteilten: "Klar hat Jena schon mal bei Sporting Lissabon gewonnen, doch diesmal wird´s schwerer, trotz der im Rückspiel möglichen Räume für Konterattacken."

Diese und andere Stimmen nach "einem insgesamt sehenswerten Spiel", so DFV-Generalsekretär Günter Schneider, "das Möglichkeiten und Grenzen unseres Fußballs zeigte", können so zusammengefaßt werden:

1. Unser Pokalsieger hat - mit Unterschieden allerdings, und teilweise mit beträchtlichen, wenn man nur das Pensum Duckes mit dem Schumanns vergleicht - fast alles gegeben, wozu er in der Lage ist, hat gekämpft, gerackert, lief einem unglücklichen Rückstand nach. Allein die Portugiesen waren die technisch weit besseren Fußballer. Was in unserer Oberliga reicht, sogar für einen vorderen Platz, international wird es für zu leicht befunden.

2. Benficas Elf ist harmonischer, ausgeglichener besetzt. Das Gefälle vom Besten zum Schwächsten (wer eigentlich war das?) ist ungleich geringer als beim FC Carl Zeiss (mithin bei all´ unseren Mannschaften). Zwar wurde Schumann durch Kunze ersetzt, der sich redlich mühte, doch keine Wirkung erzielte, während sich bei Benfica Gracia nahtlos einpaßte, Torjäger Jordao wegen Verletzung pausierte.

Diese Feststellungen charakterisierten gleichsam die Situation in unserem Fußball, und es ist an der Zeit, daß wir das Stadium der Diskussion zu Fragen der Konzentration, der sinnvollen, bitte, verlassen. Nicht im Interesse Jenas, Magdeburgs, einer anderen Stadt etwa, sondern zum Nutzen des DDR-Fußballs. Auch derartige Probleme werfen diese Vergleiche über das aktuelle Geschehen hinaus auf, und man muß sie beim Namen nennen, wenn Erreichtes bestätigt, ausgebaut werden soll.

Der FC Carl Zeiss Jena begann stürmisch, holte schnell einige Ecken heraus, hatte schließlich in dieser Hinsicht einen Vorteil von 11:2, doch Zählbares entsprang diesen Aktionen nicht. Das konnte auch kaum sein, weil zu wenig geschossen wurde. Brauer (10.) riskierte als erster einen Schuß. Kurbjuweit folgte ihm mit drei Versuchen, darunter einen sehenswerten Freistoß (18.), den Bento aus dem rechten oberen Winkel faustete und der dem Jenaer die Gratulation Eusebios einbrachte, und dann traf Vogel noch einmal das Tor. Sonst hatte Bento kaum etwas zu halten. Freilich deckte Benficas Abwehr konsequent, folgte Artur Ducke (Pavic: "Er ist Jenas gefährlichster Mann!"), Malta da Silva Vogel, und hinter ihnen operierte Humberto im Stile eines Klassemannes. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere besteht darin, daß sich Jenas Mittelreihe nicht entschlossen genug in Szene setzte; von Schlutter und Irmscher kam kaum ein verwertbarer Paß, Göhr konzentrierte sich nur auf Eusebio, und auch der Nachpausenwechsel zwischen ihm und Kurbjuweit brachte nicht mehr Konstruktivität in die Aktionen, die zu gleichförmig wirkten.

Sicherlich war das 0:1 ein Geschenk. Weise, bis dahin stark, danach angeknockt, vom Pech verfolgt (Kopfball 58.), wollte nach 20 Minuten zum herausstürzenden Grapenthin zurückspielen (ein Torwart muß sich auch mal lautstark bemerkbar machen!), paßte praktisch auf Schnelläufer Nene, der sich diese Chance nicht entgehen ließ. Dadurch verschärfte sich Jenas Zwangssituation, denn zum Wissen, zu Hause einen Vorsprung erzielen zu müssen, gesellte sich die Tatsache, einem Rückstand nachzulaufen, ein höheres Risiko einzugehen. Stein, ruhig, abgeklärt, stellungssicher, und Brauer, beherzt, einsatzstark, beschränkten es auf ein Minimum. Doch mehr als der Ausgleich war nicht drin. Vogel, er steigerte sich erst spät, erkämpfte sich den Ball. "Dann spielte ich zu Kurbjuweit, der Ducke einsetzte. Dessen Flanke kam maßgerecht, so daß ich einköpfen konnte", schilderte er die Szene in der 76. Minute.

Sicherlich, das 1:1 läßt zwar für Lissabon noch Hoffnung, weil "Jena eine starke Mannschaft ist, überall für eine Überraschung gut sein kann", wie Pavic meinte. Indes, sie ist gering, zumal sich Benfica als außerordentlich ballsicher erwies, überlegt aus der Abwehr heraus das Spiel im Griff hatte, nur selten in Bedrängnis geriet und unkontrollierte Schläge anwandte.

Zwei Komplimente dürfen nicht unterschlagen werden: Das erste muß den tüchtigen Stadionarbeitern gelten, die den Platz trotz des tagelangen Regens in gutem Zustand präsentierten. Das zweite sei dem umsichtigen Schiedsrichterkollektiv unter dem 44jährigen Hungerbühler gezollt, der sich als "alten Fußballer" bezeichnete, "der sich trotz eines Beinbruchs und eines Achillessehnenrisses nicht vom runden Leder abbringen ließ" und "in einem überaus fairen Spiel" keine Schwierigkeiten hatte (19:23 Freistöße). Warum aber Gracia von der Torauslinie eingewechselt wurde, blieb unklar.

(Klaus Schlegel in "Die Neue Fußballwoche" vom 29. Oktober 1974)