2000/2001 21. Spieltag: SSV Jahn Regensburg - FC Carl Zeiss Jena 2:2

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Spieldaten
Wettbewerb Regionalliga, 21.Spieltag
Saison Saison 2000/2001, Rückrunde
Ansetzung SSV Jahn Regensburg - FCC
Ort Städtisches Jahnstadion in Regensburg
Zeit Sa. 24.02.2001 14:30
Zuschauer 3.200
Schiedsrichter Göbel (Heilberscheid)
Ergebnis 2:2
Tore
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Regensburg
Ermler
Altmann, Markus Grasser, Stieglmair
GärtnerGelbe Karte.gif, Gfreiter (46. S.Seufert), Mokhtari (57. Thorsten Holm), Peuker, Zellner
Brand (46. Radlspeck), T.Seufert

Trainer: Wettberg


Jena
Svetozar Okrucky
Dejan Raickovic, Zoran Saraba, Timo Uster
Dirk Böcker, Christian HauserGelbe Karte.gif, Dirk HempelGelbe Karte.gif (71. Niels Mackel), Michael Mason, Gediminas Sugzda
Aleksandar Jovic (75. Jörg Nowotny), Miroslav JovicGelbe Karte.gif (61. Krzysztof Kowalik)

Trainer Slavko Petrovic

Spielbericht

Bar jeder Vernunft …

Endlose Wochen der fußballosen Zeit! Keine Plastikatmosphäre ala Championsleague oder RAN-Einheitsbrei für Wohnzimmerfans kann uns trösten. Auch keine selbst vom FCC-Präsi Schmidt-Röh gepriesene Sporthighlights in Jena wie Ringen, Basketball oder Kegeln (?!) können uns ablenken … Seit Wochen das jämmerliche Bild der Tabelle - Jena, unser Jena ist Tabellenvorletzter … Erfurt uneinholbar - aber wer denkt noch an die - und der Abstiegskampf schon fast in der entscheidenden Phase. Das sind die bescheidenen Voraussetzungen, die die Lokalmatadore jedoch nicht schrecken, sich gemeinsam mit anderen Kaputtniks am Samstag früh 6:30 am Jenaer Paradiesbahnhof einzufinden, um mit dem Wochenendticket ins für Fußballfans feindliche Bayern zu fahren.

Also machen sich die potentiellen Gewalttäter und hochgradig Asozialen auf den Weg mit der Regionalbahn nach Lichtenfels. Aus dem jämmerlichen Haufen von etwa 15 Mennecken zu Beginn werden während der Fahrt nach Lichtenfels etwa 50 Zugfahrer: Man kennt sich, verabscheut und liebt, bewundert oder bedauert sich … Gestrandete Existenzen, Akademiker, Provokateure, Arbeiter, Angestellte, Beamte, Suffköppe und Pantoffelhelden - alle sind mit von der Partie. Alle Unterschiede wie weggeblasen, einig und zusammengeschweißt einzig und allein in ihrer (Hass-)Liebe zu diesem Verein, der ostdeutschen Fußballegende - FC CARL ZEISS JENA. Dabei haben nur noch wenige der Mitfahrenden die guten und besseren Zeiten unseres Vereines selbst erlebt, und dennoch leben die Duckes, Bielaus und Grapenthins in ihnen, kennt jeder irgendjemanden, der 1980 gegen Rom dabei war, oder hat damals schon im Bauch seines schwangeren Vaters dem FCC die Daumen gedrückt … Schon allein deshalb kann Jena nicht absteigen, bei all den Erfolgen, den Umfeld, den Fans, den Geschichten - nein, Jena nicht … Ein Unglück, ein himmelschreiendes Unglück hat uns dorthin gebracht: Abseitstore in den Schlußminuten, der Schweine-DFB, das Wetter und die Hutus in Südafrika haben Schuld, daß unserem Traditionsverein soviel Unrecht geschieht. Das Leid des Vereines potenziert das Leid derer, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen, anstatt es zu kompensieren. Und so entlädt sich alle Wut in erste trotzige „Ost-Deutschland“-Rufe …

Etwas separiert machten es sich die mal wieder auf einen Rumpf von 3 Supportern zusammengeschrumpften Lokalmatadore mit den diesmal zahlreich vertretenen Titanen und Göschwitzern gemütlich. Nicht alle machten den frischesten Eindruck und boten ein Bild des Jammers, was unbedingt mit Alkohol weggespült werden mußte. Also lehrte man zunächst die von den LOKALEN spendierte Palette Feldschlößchen und konnte recht bald eine atmosphärische Erwärmung im Abteil feststellen. Dieses war mittlerweile aufgrund enormer Rauchentwicklung praktisch nicht mehr durchdringbar. Die schlechten Sichtverhältnisse machten die zarten Annäherungsversuche der - wie sich im Verlaufe des Tages herausstellen sollte - seelenverwandten Supporters zum blind date. Anders wäre man sich sonst wohl auch nicht näher gekommen … Gruß an Beu, dessen Mütze und Haarwuchs eine kaum trennbare Einheit bildeten. Nachdem der Alkohol den Kreislauf in Schwung brachte, wurden erste, oftmals lange nicht gehörte Lieder angestimmt. Die zwischenzeitlich im Abteil gehissten Fanclub-Fahnen, das verschüttete Bier und zerdrückte Kippen am Fußboden schafften eine heimelige Atmosphäre, in der die Kreativität der Anwesenden seltsame Blüten trieb: Neben bekannten und weniger bekannten FC- und Schmähliedern sorgten Kampf- und Parteilieder längst vergangener Zeiten für Lagerfeuerromantik. Weitere kulturelle Highlights waren ein Katjuscha-Solo Groetes auf Russisch und ein im Duett vorgetragener „Osterspaziergang“ von Beu und Traudel.

So verging die Zeit wie im Fluge und schnell war man in Lichtenfels, wo wir von einer nicht unerheblichen Anzahl von bayerischen Oberförstern in unseren nächsten Zug begleitet wurden. Netterweise waren die letzten zwei Waggons für uns reserviert. Nicht ganz so reserviert verhielt sich die Schaffnerin - sorry, Zugbegleiterin! - die der Vielzahl der von diversen Zeiss-Fans beanspruchten Plätze auf dem Wochenendticket eines Freundes, der „irgendwo da vorn oder dahinten sitzt“ nicht mehr Herr wurde. Doch die barsche Ankündigung die Fahrt für einige rasch enden zu lassen, blieb - während eine kurze Polonaise-Einlage die übrigen Zugfahrer erfreute - ungehört. Ein von irgendeinem Provokateur gerufenes „Scheiß Gladbach“ rief einige VfL-Sympathisanten auf den Plan und führte zu einer schnellen Bereinigung der Meinungsverschiedenheit.

Schnell war man in Nürnberg und machte den anwesenden Reisenden klar, daß die Jenaer nun da wären und ritt im Bahnhofs-McDoof ein, um dem in großen Mengen geflossenen Alkohol nun endlich eine gesunde Grundlage zu verschaffen.

Nach einer halben Stunde Aufenthalt in der fränkischen Metropole sollte es per Regionalexpress weiter ins oberpfälzische Regensburg gehen. Wiederum waren die letzten Waggons den Jenaer Supps vorbehalten, doch nicht alle Jenaer hielten sich an die nicht immer freundliche Aufforderung der uns begleitenden Bullerei, doch sich dorthin zu begeben. So saßen Lokalmatadore und Titanen in einem Bereich, der offenbar nicht für uns bestimmt war. Unmißverständlich machte man uns klar, daß wir bei geringsten Belästigungen „rausfliegen“ … Der Einwand, daß wir normale Fans sind, die sich ein Fußballspiel ansehen möchten, schien zumindest etwas zu ziehen, und so durften wir bei harten Bewährungsauflagen (nicht singen, keine Fahnen - Demonstrationsverbot!!!! etc.) bleiben. Leider konnten wir uns nur kurz an die geforderte Ruhe halten, da ein unverbesserlicher Asi mit Zeiss-Schal um den Hals einem farbigen Zugfahrer erzählen wollte, daß er doch besser nach Afrika gehen solle. Es kam zu einer Auseinandersetzung, zu welcher einige Titanen zur Unterstützung des Farbigen hinzukamen. Die Polizei ließ nicht lange auf sich warten und nahm den Störenfried mit und dessen Personalien auf. Leider sind es immer wieder solche Idioten, die den in Bayern sehr krassen und zum Teil undifferenzierten Einsätzen gegen Leute, die ein Fußballspiel sehen wollen und noch zumal aus dem Osten kommen (das ist FAKT!) eine Berechtigung geben …

Endlich in Regensburg angekommen, empfing uns eine stattliche Anzahl von Einsatzkräften in voller Montur, die es uns nicht erlaubten, uns frei im Bahnhofsgelände zu bewegen. Der erwartete „Kessel“ also - der von einigen besonders heißblütigen Jenaern zu Drohgebärden und Angriffen auf die Bullerei zum Anlaß genommen wurde. Dies gipfelte in 2 Festnahmen und einem in höchsten Maße unfreundlichen Ton. Das Bahnhofs-Gelände durfte erst nach eingehender Filzung und filmtechnischer Aufnahme eines jeden (!) Zeiss-Fans verlassen werden! Die Kriminalisierung von Fußballfans geht weiter - skandalös! Eine Fahrt nach Regensburg, Stadtbesichtigung mit Besuch des Doms und dann zum Fußball - eine Vorstellung aus einer anderen Zeit … Ohne Chance anderweitige Planungen in die Tat umzusetzen, wurden wir (bestimmt nicht aus Gastfreundschaft) in zwei extra zur Verfügung gestellten Sonderbussen direkt zum Stadion gefahren und in unseren Block geleitet.

Das Stadion - ein zugiges Rund mit Biertisch-Kasse und 15 Mark Eintritt - das war der erste Eindruck. Nachdem man die Fahnen gut sichtbar platziert hatte, kamen einige Oberförster und befahlen die sofortige Absenkung der Fahnen um etwa 10 Zentimeter und waren vollkommen von der sensiblen Reaktion einiger Jenaer überrascht, als versucht wurde, die Fahnen zu entfernen. Wenn man keine Probleme hat, dann macht man sich eben welche.

Ein riesiger Gästeblock-Bereich ließ für die Stimmung der etwa 250 Jenaer nichts Gutes ahnen. Dennoch wurde versucht Stimmung zu machen und zumindest im Sängerwettstreit die 3 Punkte aus Regensburg zu entführen. Als es dann kurz nach dem Anpfiff einen nicht für möglich gehaltenen Elfmeter für Jena gab, kannte die Euphorie keine Grenzen! Das Glück ist wieder da, der Mythos Jena lebt und Saraba würden den Ball schon versenken. Gesagt - getan!!! Jubel, ausgelassene Tänze im weiten Rund des Gästebereiches, doch was war jetzt schon wieder? Irgendeiner blähte unkontrolliert den linken Nasenflügel auf, so daß der Elfer wiederholt werden mußte. Das gips doch nich?! Saraba zum zweiten: Anlauf, Schuß in die gleiche Ecke und - DRIN!!!! TOOOOORRR!!!! Jena führt, ist wieder da, steigt nicht ab!! Jena lebt, unser Jena … Auferstanden aus Ruinen, Jubel, Ekstase - und wieder die blanke Angst des Wehen-Fahrers! Aber was! Jena steht hinten bombensicher. Besonders der starke Auftritt von "Susi-Böcker-Fußballfee" machte Hoffnung. Als ein lupenreiner Konter zum 2:0 für Jena führte, kannte der Jubel keine Grenzen mehr! Jetzt, war man sich sicher, sind Jena die 3 Punkte nicht mehr zu nehmen. Man lag sich mit wildfremden Gestalten in den Armen und freute sich einfach nur. Doch Freude ist verboten. Zumindest, wenn man als Fußballfan ein Tor bejubelt und es sich dabei wagt, am Zaun zu rütteln! Festnahme und Anzeige wegen Sachbeschädigung waren die in Bayern logische Konsequenz für ausgelassenen Jubel eines ansonsten in der Gesellschaft Chancenlosen. Die Liebe zu Jena und die Freude - das letzte bißchen Rest an positiver Energie, die diese Gestalt noch in sich trug, gipfelten in deren Verhaftung. Es KOTZT nur noch an …!!!!

Aber viel Zeit zum Grübeln über in Deutschland schieflaufende Dinge blieb dem Fan nicht. Das Ende der Halbzeitpause, in der befreundete Fans aus Jena und Regensburg sich im Elfmeterschießen maßen, rief den leiderprobten Zeiss-Fan und dessen ungeteilte Aufmerksamkeit auf den Plan. Jena stand hinten sicher und hatte eine Chance nach der nächsten, natürlich ohne die Dinger auch zu versenken. Hoffentlich rächt sich das nicht! Hoffentlich geht die Zeit bald rum, hoffentlich nimmt Jena die bitter benötigten 3 Punkte mit, hoffentlich …
Die Einwechslung des endlich wiedergenesenen Nowotny verlagerten kurzzeitig das Interesse der fiebernden Zeiss-Fans. Doch auch dieser vergab eine sehr gute Möglichkeit. Das Spiel ist fast rum, man glaubt an den Sieg, und plötzlich schlägt es wie aus heiterem Himmel im Jenaer Tor ein … Das kann doch nicht wahr sein!!! Nicht schon wieder, nicht wie in Wehen, bitte, diese 3 Punkte … wir BRAUCHEN sie … Einige Fans laufen apathisch auf und ab, schauen schon längst nicht mehr auf das Spielgeschehen. Sie beten nur noch. Ihre Religion heißt FC CARL ZEISS JENA … Die Meute unterstützt Jena bedingungslos und feuert an. Es scheint, als wollte sie die Angst aus sich herausschreien. Das gelingt auch bis zur 90. Spielminute. Kowalik pennt, der Fan flennt!! 2:2! Schreie ohnmächtiger Wut, des Entsetzens, des Frustes. Die Würstchenbude muß dran glauben, Schals werden weggeworfen, manche heulen … Die Polizei schreitet ein. Wen interessiert's noch? Verhaftet uns, knüppelt auf uns ein. Jena ist am Boden, ihr könnt uns nichts mehr nehmen, schon gar nicht unsere Würde … Auch und erst recht nicht im achso christlichen Bayern. Der Autor dieser Zeilen erspart sich eine detaillierte Schilderung des nach Spielende stattgefundenen Polizeieinsatzes und der zunehmenden Kriminalisierung von Fußballfans. Und gemeint sind echte Fans, die ihren Verein unterstützen, ihn begleiten, wann immer sie können, die die Häme von sesselfurzenden Bayernfans, die nie ein Spiel ihrer „Helden“ in einem Stadion verfolgt haben, Woche für Woche über sich ergehen lassen, die als „bekloppt“ apostrophiert und moralisch getreten werden … Schlagt auf uns ein, macht uns nieder, aber eines können wir euch versprechen: Wir werden wieder da sein!

Die Rückfahrt war geprägt vom Willen wach zu bleiben und Beus grandiosen Fähigkeiten, seiner Abluft Stimme zu verleihen. Als Lokalmatador Traudel und Titane Knorscht sich in Rage über die Situation redeten, wachte eine schon entschlummert geglaubte Gestalt auf, um uns bevor er wieder ins Koma verfiel folgendes, an Zusammenhanglosigkeit nicht zu übertreffendes, mizuteilen: „Ruhig bleiben! Es werden Decken gebracht …“

So blieben wir ruhig und ergaben uns in unser Schicksal, daß dies wohl der Weg ist, den wir gehen müssen. Wir sind pervers, devot und masochistisch. Anders ist eine solche Leidensfähigkeit nicht zu erklären …

--Traudel