2008/2009 37. Spieltag: FC Carl Zeiss Jena - SpVgg Unterhaching 4:3

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Spieldaten
Wettbewerb 3. Liga, 37. Spieltag
Saison Saison 2008/2009, Rückrunde
Ansetzung FCC - SpVgg Unterhaching
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit Sa. 15.05.2009 13:30 Uhr
Zuschauer 7.342
Schiedsrichter Dr. Jochen Drees
(Münster-Sarmsheim)
Ergebnis 4:3
Tore
Andere Spiele
oder Berichte
Programmheft
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Aufstellungen

Trikotfarben
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Jena
Carsten Nulle
Tim Petersen, Robert Müller (39. Tim Wuttke), Marco Riemer, Ralf Schmidt
Naoya KikuchiGelbe Karte.gif
René Eckardt, Torsten Ziegner, Felix Holzner (18. Carsten SträßerGelbe Karte.gif)
André Schembri (60. Sebastian Hähnge), Salvatore AmiranteGelbe Karte.gif

Trainer: Marc Fascher

Trikotfarben
Trikotfarben
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Unterhaching
Darius Kampa
Robert Zillner, Ralf Bucher, Milan Susak (70. Tobias Schweinsteiger), Timo NagyGelbe Karte.gif
Roman TyceGelbe Karte.gif
Manuel Konrad, Oliver Fink, Ricardo VillarGelbe Karte.gif (70. Orkan Balkan)
Thomas Rathgeber (73. Marcus Stegmann), Anton Fink

Trainer: Ralph Hasenhüttl

Spielbericht

Risiken und Nebenwirkungen
Mit dem 4:3 gegen Unterhaching schlägt der FCC gleich zwei Fliegen mit einer Klappe

Wer, wie so viele der treuen Anhänger von Fußball-Thüringens ewiger Nummer Eins, in dieser ersten Drittligasaison landauf, landab reiste und außerdem regelmäßig ins traditionsreiche EAS pilgerte, wird sich wohl schon des Öfteren die Frage gestellt haben, wie viel Leid er denn noch ertragen muss, um endlich mal wieder für diese beinahe schon fatalistische Treue von seinen Helden belohnt zu werden. Gestern, nachdem der Tabellenzweite aus Randmünchen beim bis dato Tabellenvorletzten vorgespielt hatte, dürften die Jenaer Anhänger genau die Gefühle in sich gespürt haben, die sie so lange vermisst hatten: Zufriedenheit und begründete Hoffnung. Als Dauerkartenbesitzer bin ich mir nicht ganz sicher, aber ich nehme doch stark an, dass auf den gestrigen Tageskarten der Aufdruck nicht fehlte, dass man „zu den Risiken und Nebenwirkungen dieses Spieles den Arzt oder Apotheker befragen solle“.

Dabei begann der Tag schon reichlich spannend. Unser studentischer Leipziger Mitfahrer war soeben von einem abenteuerlichen 9-tägigen Balkanurlaub zurückgekehrt und wusste aus Kroatien, Bosnien, Montenegro, Albanien und auch Griechenland Dinge zu berichten, die nicht nur interessant, sondern auch unglaublich spannend klangen. Seine Erzählungen und Berichte hatten gleich mehrere Nebenwirkungen: einerseits vertrieben sie ein wenig die Anspannung während der 75-minütigen Anreise und verkürzten diese auf amüsante Weise, andererseits konnte es ja eingedenk der gelegentlich sehr tristen Heimauftritte unserer Fußballhelden nicht schaden, schon vorher wenigsten etwas Spannendes erlebt bzw. gehört zu haben, dem dann oft eher Unspannendes auf dem Rasen folgte. So kann man sich täuschen. Aber wer sollte denn ahnen, anschließend Zeuge eines Thrillers zu werden, den eigentlich nur absolut gesunde und wehwehchenfreie Zuschauer halbwegs unbeschadet überstehen?

Wie sehr den meisten Jenaer Fans die aktuelle Situation der Ruhmreichen zu Herzen geht, konnte sehen, wer vor Spielbeginn einen etwas genaueren Blick auf die üblichen Begrüßungsrituale warf. Dem obligatorischen Handschlag folgte in der Regel ein flehentlicher Blick gen Himmel begleitet vom Griff der rechten Hand in die Herzgegend …
Debattiert wurde nicht nur über die Schwere der bevorstehenden Aufgabe, sondern auch darüber, wer zuvor noch welches glücksverheißende Ritual absolviert hatte oder wie die gestrige „Kleiderordnung“ danach erfolgte, ob die getragenen Sachen auch ja schon irgendwann und irgendwo schon ihre Siegestauglichkeit bewiesen hatten. Manch einer wollte ganz auf Nummer sicher gehen und hatte von seiner vielköpfigen Kinderschar genau jene Racker im Schlepptau, die bisher nur Siege live erlebt hatten. (Was nach Spielschluss dazu führte, dass es Angebote anderer Fans hagelte, die Kinderlein nach Sandhausen mitzunehmen, da der Vater am kommenden Wochenende verhindert ist.) Eine Erinnerung an bessere Tage konnte erfahren, wer sich schon mal vorab eine Karte für das am 17. August stattfindende Match gegen den AS Rom sicherte (gibt es dafür eigentlich auch ein Tippspiel?) oder den Helden jener Zeit, Gert Brauer und Konrad Weise, beim Plausch vor dem Spiel zusah oder zuhörte. Aber irgendwann gab es dann kein Zurück mehr, es galt, sich zu seinem Platz zu begeben und dem Anpfiff mehr entgegenzufiebern, als ihn herbeizusehnen, aufgehalten nur noch durch die leider auch in Jena um sich greifende Unsitte, Fußballspiele als moderne Kuppelshow zu betrachten…

Dass auch Fascher Ungewohntes für den Erfolg zu tun gedachte, wurde klar, als sich Hähnge während der Erwärmung zum Kreis der offensichtlichen Reservisten gesellte. Außerdem beachtlich, dass der Tabellenzweite ca. die Hälfte seines Heimpublikums mit ins EAS gebracht hatte und auch von denen konnte um 13:30 Uhr, als Dr. Drees anpfiff, noch keiner ahnen, dass die folgenden 90 Minuten in einem kollektiven Massenalterungsspektakel von mindestens 10-15 Jahren enden würde…

Wie befürchtet, hatte den ersten Bangen Moment die Jenaer Abwehr zu überstehen, aber nach (unberechtigtem, denn Holzners Attacke war absolut sauber!) Freistoß von links, verfehlte Rathgeber nur knapp. (2.) Zeit, für Jenas ersten Angriff, begleitet von einem blitzsauberen Anspiel auf den in den Strafraum drängenden Schembri. Da der Malteser von einen Hachinger Abwehrspieler eskortiert wird, schaltet er im Sechzehner die nächsthöhere Turbostufe ein. Um bei dieser rasenden Geschwindigkeit das Gleichgewicht und die Bodenhaftung nicht zu verlieren, ist Schembri geradezu gezwungen, sich ein wenig an der Hose seines Widerparts festzuhalten und zu stabilisieren. Als er seinen Gegner dann auch noch umkurven will und dieser ihn leicht an den Füßen touchiert, bleibt Schembri nichts anderes übrig, als den hilfesuchenden Griff zu lösen und sich den unabwendbaren Gesetzen der Schwerkraft zu ergeben. Das jähe Ende dieses Zweikampfes sieht den unwiderstehlichen Schembri am Boden und Dr. Deers belohnt dessen Unverzagtheit und wilde Entschlossenheit verdientermaßen mit einem Strafstoßpfiff. Elfmeter für den FCC!
Wer hat jetzt die Nerven? Wer übernimmt Verantwortung? Wer hat Mut? Ziegner! Elfmeter schon vorab als Tor zu bejubeln, hat man sich als FCC-Fan ja schon lange abgewöhnt und so kommt es bei den meisten Zuschauern schon zur ersten kritischen medizinischen Konstellation: der Puls beschleunigt blitzartig in kaum mehr messbare Höhen, aber noch ist es nicht an der Zeit, Gefühle von Vorfreude zu zeigen. Ziegner steht wenige Schritte hinter dem Ball. Kampa lauert. Dr. Drees korrigiert noch Spielerpositionen. Ziegner läuft an. Kampa nimmt Spannung auf. Ziegner hämmert an das Leder! Kampa segelt nach rechts. In der Mitte bauscht sich lustvoll das Netz – TOOOOOOOOR! (1:0, 4.)
Jetzt endlich ist es Zeit, allen angestauten Emotionen freien Lauf zu lassen, den rasenden Puls in Torjubel umzusetzen und den Schützen zu feiern!

Als der Jubel sich noch nicht gelegt hat, stößt schon Eckardt, heute von Beginn an dabei, links zur Grundlinie vor. Schade, dass sein Querpass zu schwach und somit Kampas sichere Beute ist. (6.) Gleich darauf erreicht ein weiter Schlag aus unserer Abwehr den vorn gestarteten Amirante, aber seinem Gegenspieler gelingt es, den Ball zur Ecke zu klären. Ziegner macht sich auf den Weg zur Tribünenseite. Eckbälle und Ziegner waren ja in dieser Saison nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte. Mit dem rechten Schlappen verpasst der Ex-Kapitän dem Ball eine wunderbare Flugbahn, scharf und schön vom Tor weg. Dort, 7, 8 Meter vor der Linie rauscht Salvatore Amirante heran, erwischt die Hereingabe optimal mit dem Kopf und noch ehe die verdutzten Hachinger Abwehrspieler geschnallt haben, was da grad passiert, ist Kampa geschlagen und erneut zappelt das Tornetz fröhlich erregt, denn schon wieder ist der Ball im TOOOOOOOOR! (2:0, 8.) (Nach kurzer Zeit der Erholung fragt mein Platznachbar, ob sich noch irgendwer daran erinnern könne, wann Ziege seine letzte derart gefährliche Ecke getreten habe? Als Antwort erfährt er aber nur Schulterzucken.) Was ist denn hier los!!!??? Keine 10 Minuten vorbei und schon wieder werden über 7.000 Beseelte von einem Adrenalin-Schock heimgesucht, was zu einem Torjubel führte, den man in dieser Intensität schon lange nicht mehr durchs Paradies rauschen hörte. Und hätte nur 2 Minuten später sich Amirante nach blitzsauberem Querpass von Kikuchi im Strafraum gegen 2 Hachinger durchsetzen können, wären wohl endgültig sämtliche Dämme gebrochen. Was ist nur mit diesem Amirante los? Erst gab er mit seinem Auftritt im Heimspiel gegen Aue ein Leistungsversprechen ab, das große Hoffnungen weckte. Dann schien er an dieser Vorschusslorbeerlast fast zu zerbrechen und schnurstracks in die Welt der Rohdiamanten und Gurkentitelanwärter abzutauchen. Noch vor wenigen Wochen hatten seine Auftritte meist groteske oder gar tragikomische Züge. Doch jetzt, in der Phase des Alles-oder-Nichts ist er ein absolut gefährlicher Goalgetter, der ständig ein, zwei Abwehrspieler beschäftigt und in Schembri seine kongeniale Ergänzung gefunden zu haben scheint.

Weitere 60 Sekunden später lässt Felix Holzner auf der rechten Seite all seine Gegner alt aussehen und flankt nach innen, wo Schembri allerdings den Bruchteil einer Sekunde zu spät gegen Kampa kommt. Holzner, eben noch als unwiderstehlicher Flügelflitzer unterwegs, hastete kurz darauf erneut einem Ball auf unserer rechten Angriffsseite hinterher. Als er die Richtung ändern will, bleibt er im Rasen hängen, geht zu Boden, fasst sich an sein Knie, signalisiert sofort, dass dieses Spiel für ihn zu Ende ist und denkt wohl seither darüber nach was mit seinem Vornamen vielleicht nicht stimmt…(15.) Sträßer kam nun für Holzner in die Partie und die Hachinger nutzten die Zeit der Behandlung und Auswechslung, um sich neu zu sortieren, durchzuatmen und zu realisieren, was bisher Unfassbares mit ihnen geschehen war.

Was die Hachinger in den folgenden 25 Minuten im EAS demonstrierten, gehörte mit zum Besten, was man in dieser Drittligasaison von einem FCC-Gegner gesehen hat, das muss man neidlos anerkennen. Sicheres, genaues und schnelles Kurzpaßspiel, das phasenweise den Eindruck erweckte, die Gäste hätten 2 Feldspieler mehr auf dem Rasen. Ebenso bemerkenswert aber, dass die Unseren diesmal konzentriert und kämpferisch dagegen hielten und vor allem auch ein hohes Maß an Lauf- und gegenseitiger Hilfsbereitschaft demonstrierten. Dennoch haben die Unterhachinger mit ihrer Taktik des „Einlullens“ bald den gewünschten Erfolg. Zunächst verlagern sie das Geschehen auf unsere linke Abwehrseite und reißen Löcher in der Mitte. Sträßer versucht, dort auszuhelfen. Dann folgt eine gekonnte Seitenverlagerung, Riemer kann nicht entscheidend stören und außen fehlt der eben noch in der Mitte aushelfende Sträßer. Nagy (der heißt nicht „Natschi“, lieber Stadionsprecher!) ist frei an der Strafraumgrenze und schickt den Ball humorlos aber technisch perfekt vorbei an Nulle ins Netz zum 2:1. (27.) In der Folge zeigen die Hachinger, dass sie es ebenso gut verstehen, geradlinigen Tempofußball in die Spitze zu spielen und dort auf fast wundersame Art und Weise auch immer drei offensive Anspielstationen zu haben, so die ganze Tiefe und vor allem Breite des Platzes nutzend.

In Minute 35 kommt der Ball im Mittelfeld zu Sträßer, der ihn weiter zu Kikuchi spielt. Dessen Pass zurück auf Sträßer ist völlig falsch temperiert und so gelangt der Ball zum nächstbesten Hachinger und dann in unseren Strafraum. Müller und Nulle versuchen Herr der Lage zu werden, was aber misslingt. Der Ball gelangt zu Fink, der dank Schmidts gebührendem Sicherheitsabstand wenig Mühe hat, per Kopf das leere Tor zu treffen. (2:2, 35.) Müllers Verletzung gab’s zu diesem Nackenschlag noch mit dazu.

Den anfänglichen Rückstand binnen weniger Minuten mit spielerischen Mitteln gegen wahrlich nicht schlechte Hausherren egalisiert zu haben, ließ Böses ahnen und alle eben noch emotionsgeladenen Beobachter glichen plötzlich nur noch apathischen Hüllen. Auf der Tribüne gab es jetzt nur noch 2 bevorzugte Sitzhaltungen: Variante 1 – zurückgelehnt, in sich versunken, so als wolle man sich klein und unsichtbar machen, leerer Blick geradeaus. Variante 2 – Ellenbogen auf die Knie gestützt, Gesicht in den Händen vergraben und nur zaghafte, verstohlene Blicke Richtung Rasen. So schien alles sehnsüchtig dem Halbzeitpfiff entgegenzudämmern.

Bis der Ball auf rechts zu Schembri kam.
Bis Schembri sich zwar gegen seinen bayerischen Widersacher behauptete, aber der Winkel immer spitzer wurde.
Bis Schembri fast die Grundlinie erreicht hatte.
Bis Schembri aus dieser aussichtslosen Position völlig überraschend aber teuflisch genial abzog.
Bis der Ball am völlig verdutzten Kampa vorbeihuschte.
Bis der Ball drin ist, im TOOOOOOOR! (3:2, 44.)

Wieder ändert sich siebentausendfach die Gefühlslage binnen weniger Millisekunden. So, als müsse man, soeben aus dem Tiefschlaf erwacht, sofort hellwach sein, brauchen die meisten einige Schrecksekunden, um das Geschehene zu realisieren und scheinen anschließend gar nicht zu wissen, wie sie mit diesem unfassbaren Glück umgehen sollen. Als hätte man den Generalschalter wieder auf „On“ gestellt, brodelt es plötzlich wieder am Fuße der Kernberge. Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätte ein Hachinger nicht den nächsten Jenaer Konter, wieder über Schembri, haltend und Gelb in Kauf nehmend, vorzeitig beendet.

Als Dr. Deers, der zunehmend eine gute Figur abgab (weil er meist bemüht war, den Ball laufen zu lassen und nicht nach jedem Faller oder Schubser theatralisch das Spiel zu unterbrechen), zur Pause Pfiff, sackten auch die meisten Zuschauer reichlich erschöpft zusammen und beschäftigten sich mit intensivem Luftholen, Kopfschütteln und ersten kleineren Herzmassagen. Fühlte man sich eben noch glücksseelig auf dem Mount Everst, glaubte man sich kurz darauf am Boden von Challenger Deep, nur um schnurstracks wieder die nächsten Höhenmeter zu erklimmen – wer soll das unbeschadet und ohne medizinische Betreuung aushalten? Vielleicht hilft ja die Flucht in Galgenhumor und so versuche ich die bange Frage eines Nachbarn, wie das Ganze wohl ausgehen wird, damit zu beantworten, dass die erste Halbzeit doch eigentlich immer unsere schwächere sei…

Nach Wiederanpfiff dauerte es erneut nur wenige Minuten, bis der FCC die ersten offensiven Akzente setzte. Amirante und Schembri fanden sich nach 49 Minuten zum Doppelpass, wurden aber noch entscheidend gestört. Erneut eine Minute später, war es dann wieder Amirante, der sein Glück per Direktabnahme versuchte, aber sein Schuss ging übers Tor. Fortan besannen sich die Hachinger wieder auf ihr Kurzpassspiel und hatten auch sofort das Spiel wieder scheinbar unter Kontrolle. Nach einem Freistoß von links scheint in der 53. Minute der Ausgleich beschlossene Sache, als plötzlich ein Hachinger ganz frei aus wenigen Metern Torentfernung zum Schuss kommt. Nulle, der Teufelskerl wirft sich entschlossen entgegen und kann mit breiter Brust die Führung der Unseren retten. Das Blut rauscht schon wieder auf Hochtouren und die Herzfrequenz hat den gesunden Bereich auch schon wieder verlassen. Kurzes Durchatmen, als der FCC nach 54 Minuten und einem Nulle-Abschlag 23 Meter vor dem Tor einen Freistoß zugesprochen bekommt. Aber Ziegner zielt etwas zu hoch. Neue Hoffnung in Minute 57. Eine wunderbare Sträßerflanke von rechts kann Schembri per Kopf zurück auf Amirante legen. Ohne langes Federlesen zieht der Italiener ab und zwingt Kampa zu einer Großtat. Schade, dass der heranstürzende Eckardt noch vor seiner Nachschusschance wegrutscht. Auch wenn Haching noch immer die wesentlich reifere Spielanlage demonstriert, halten die Unseren jetzt mit Kampf, Leidenschaft und Behauptungswillen dagegen. Man fragt sich, wo sie diese Eigenschaften so lange vergraben hatten?

Nach einer Stunde kommt Hähnge für Schembri (dessen Auswechslung für einige Pfiffe sorgte, aber später von Fascher damit begründet wurde, dass Schembri platt gewesen sei und um seine Herausnahme gebeten habe) und noch ehe Hähnge überhaupt den ersten Ballkontakt hatte, erntete er erste Unmutsäußerungen. Aber um ein Haar wäre es dem Stürmer gelungen, schon mit seiner ersten Ballberührung für Ruhe zu sorgen: auf links behaupten Eckardt und Schmidt den Ball im Duett und Letzterer schlägt eine präzise Flanke auf den lauernden Ex-Aufstiegshelden, dessen Kopfball aus 5 Metern aber knapp über das Tor zischt. Auch der nächste Angriff läuft über Hähnge, der sich zusammen mit Amirante aber 4 oder 5 Gegnern gegenüber sieht. Mangels einer Abspielmöglichkeit entschließt sich Hähnge zum Schuss aus über 30 Metern, verfehlt dabei jedoch das Tor. (61.) Dann ist wieder der unermüdliche Amirante an der Reihe und sorgt für Gefahr im Gästestrafraum. Letztendlich kommt er aber nicht zum Abschluss. (63.) Es vergehen weitere 5 Minuten und der FCC greift über die rechte Seite an. Nach einem schönen, öffnenden Sträßer-Pass komm der Ball zu Amirante, der direkt weiter zu Wuttke passt. Dieser flankt und 5 Meter vor dem Tor lauert Hähnge völlig frei auf seine Beute. Hähnge erreicht den Ball auch bestens per Kopf. Legt man jedoch den Glück-Pech-Koeffizienten dieser Drittligasaison zugrunde, hätte dieser Ball nie und nimmer Kampa passieren können. Aber selbst diese Gesetzmäßigkeiten konnten die Unseren gestern mit ihrer kämpferischen und leidenschaftlichen Leistung ausschalten. Und so erwischte Hähnge den Ball nicht nur scharf und präzise, sonder tunnelte dabei auch noch Kampa und das Leder lag zum 4. Mal im TOOOOOOOOOOR! 4:2 (67.) Als hätten es nur darauf gewartet, wirbelte sofort sämtliches verfügbares Adrenalin durch alle erdenkbaren körperlichen Umlaufbahnen und schien die über 7.000 Unentwegten nun völlig zu euphorisieren! Rauschhafte Zustände im Paradies!

Würden die Unseren es jetzt verstehen, Haching erfolgreich Paroli zu bieten? Ist der Aufstiegsanwärter nochmals zu einem solchen Kraftakt wie in Halbzeit 1 fähig? Wieso läuft eigentlich plötzlich die Uhr langsamer?

In Minute 69 hätte erneut Amirante alle Unsicherheit dauerhaft beenden können. Eine weite Ziegner-Ecke von rechts nahm Savio direkt aus 13 Metern per Kopf und völlig unscheinbar aber höchst gefährlich landete er Ball am Außenpfosten. Ein Doppelpass zwischen Hähnge und Eckardt, bei dem Letzterer am Ende einen Schritt zu spät gegen Kampa kam, war dann zunächst mal der letzte Jenaer Angriff für mehrere Minuten. Auch Unterhaching schien erstmal Luft für die Schlussoffensive zu holen. Dann doch mal wieder eine Chance für die Hausherren, aber Amirante setzte den Freistoß aus 24 Metern nur in die Hachinger Abwehrmauer. (77.) Eine Minute später köpft Wuttke dann mal aus stolzen 45 Metern Entfernung aufs Tor und da muss Kampa schon gut aufpassen, um nicht überrascht zu werden.

Noch 10 Minuten und noch immer gelingt es den Unseren, den (Ex-)Tabellenzweiten weitestgehend vom Strafraum fernzuhalten. Aber Haching erhöht den Druck. Immer mehr Hachinger tauchen plötzlich an unserem Strafraum auf. Den ersten Hachinger Schuss kann Nulle noch großartig parieren, aber dann schaltet Zillner am schnellsten und es steht nur noch 4:3. (88.) Jetzt wird’s nochmals gaaaanz eng! Freistoß Haching von links. Kurz danach scheint es nur noch eine Zehntelsekunde zu dauern, bis einer der Gäste zum Ausgleich einschiebt. Tausende schlagen die Hände vors Gesicht oder wenden sich schmerzverzerrt ab. Doch was ist das?!?! Wie aus dem Nichts taucht Riemer dort auf! Im wirklich allerallerallerallerletzten Moment bugsiert er das Leder zur Ecke. Abgewehrt. Nachspielzeit. Noch mal Freistoß. Nulle walzt ohne Rücksicht auf Verluste alles nieder und faustet die Kugel aus dem Sechzehner. Qualvoll langsam vergehen die Sekunden. Wo hinschauen? Auf den Ball? Auf den Schiedsrichter? Atmen nicht vergessen… Was macht der Ball? Was macht der Schiedsrichter?

Jetzt? Nein! Jetzt? JAAAAA! Schlusspfiff!

Zumindest auf der Tribüne sind die meisten viel zu kaputt, um sofort loszufeiern. Fäuste werden gen Himmel gereckt, man fällt sich gegenseitig in die Arme, wohl um sich gegenseitig Halt zu geben. Dann sinken die meisten erschöpft in ihre Sitze, atmen ganz tief durch, warten bis der Puls sich halbwegs normalisiert hat und genießen erst dann diesen unglaublich wichtigen Sieg. Wichtig ja auch deshalb, weil man Unterhaching nun ganz besonders unter Siegzwang gesetzt hat und die Hachinger mit Aalen den dafür optimalen (zumindest für uns) Gegner haben.

Selbst am Abend, als ich viele meiner Tribünen-Nachbarn auf einer Geburtstagsfeier wiedersehe, sind die meisten noch von diesem Spiel gezeichnet. Der häufigste Satz lautet: „Puuhh, jede Woche solch ein Spiel, das vertrage ich aber nicht, das ruiniert mein Herz!“ Und dann wird, logisch, gerechnet. Alle möglichen und unmöglichen Konstellationen werden miteinander kombiniert. Letztlich bleibt nur eine Erkenntnis: Der Klassenerhalt ist sehr, sehr nahe – aber geschafft ist er noch nicht. Dazu ist schon zu viel Unvorhergesehenes passiert in dieser Saison.

Also bleibt nur eines: Auf nach Sandhausen und dort siegen! Alles andere birgt viel zu viele Risiken und Nebenwirkungen. Man wird ja nicht jünger…

Auf geht’s, Jena! Kämpfen und siegen!
YNWA

--Kopfnuss