2011/2012 21. Spieltag: FC Carl Zeiss Jena - FC Rot-Weiß Erfurt 1:0

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Spieldaten
Wettbewerb 3. Liga, 21. Spieltag
Saison Saison 2011/2012, Rückrunde
Ansetzung FCC - FC Rot-Weiß Erfurt
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit Sa. 17.12.2011 14:00 Uhr
Zuschauer 9.315
Schiedsrichter Florian Meyer (Burgdorf)
Ergebnis 1:0 (0:0)
Tore
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Aufstellungen

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Jena
Tino Berbig
Martin UllmannGelbe Karte.gif, Kai-Fabian Schulz, Alexander VoigtGelbe Karte.gif, Nils Miatke
Ralf Schmidt (84. Christoph Siefkes)
René Eckardt (90. Marlon Krause), Sebastian Hähnge, Josip LandekaGelbe Karte.gif (75. Velimir Jovanovic), Jan ŠimákGelbe Karte.gif
Nils Pichinot

Trainer: Petrik Sander

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
Erfurt
Andreas Sponsel
Denis Weidlich, Tom Bertram, Joan Oumari, Bernd RauwGelbe Karte.gif (90. Matthias Rahn)
Nils Pfingsten-Reddig (79. Kevin Möhwald), Rudolf Zedi
Gaetano MannoGelbe Karte.gif, Dominick Drexler (Rote Karte.gif, 72.)
Marcel Reichwein, Smail MorabitGelbe Karte.gif (68. Thomas Ströhl)

Trainer: Stefan Emmerling

Spielbericht

Derbynachbetrachtung: Schuld und Sühne

War es Zufall, dass Patrick Sander ausgerechnet Sebastian Hähnge mitnahm zur Pressekonferenz vor dem Derby? Jenen Hähnge, der Jena beim Hinspiel in Mordor fast im Alleingang abschoss durch seine weltoffene Art vorm 1:0 der Orks und den beherzten Tritt in Reichweins Haxen, der zur Roten Karte und dem vorentscheidenden 2:0 führte. Oder war es Kalkül von Sander, eine verklausulierte Botschaft an die Mannschaft: Was gestern war, das interessiert nicht mehr! Wichtig ist, was ein Spieler heute und künftig für den FCC leistet! Und so ist die Präsenz Hähnges vor der Presse die eigentliche Message, denn sonst gibt es nichts Unerwartetes zu berichten. Der Phrasenkatalog wird routiniert durchgeschnurrt. Hähnge erzählt von „Leidenschaft“ und „beflügelnder Derbyathmosphäre“. Sprüche, an denen es beim FCC vor solchen Matches nie mangelte und mit denen man eher als Ulknudel durchgeht, vergegenwärtigt man sich, was solchen vollmundigen Ankündigungen an Leistung auf dem Platz bei Jenas Derbyauftritten der jüngeren Vergangenheit meist folgte, wo ich mich mitunter fragte, wieso eigentlich noch kein pfiffiger Unternehmer auf die Geschäftsidee einer mobilen Verkaufsstelle für´n Mannschaftssatz Windeln im XXL-Format kam; das wäre ´ne wahre Goldgrube im Paradies.

Am Samstag hätte man damit jedoch nicht den Schnitt seines Lebens gemacht, denn bereits die ersten Minuten zeigten, dass der FCC nicht in Wichtelstimmung ist. Giftig geht es zur Sache, mit fast englischer Härte. Und noch etwas ist anders an diesem 17.12.: Wo FIFA-Schiri draufsteht, ist auch FIFA-Schiri drin. Statt rafatiesker Schlafwandlungen und gräfischer Unfehlbarkeitsattitüde fährt Florian Meyer eine klare Linie: Er lässt Aggressivität zu, so lange sie im Rahmen des Erlaubten bleibt, schreitet aber konsequent ein, wenn diese Grenze überschritten wird, sei es durch Gelbe Karten oder indem er Kontrahenten verbal in die Schranken weist. Und Meyer lässt sich nicht einlullen vom guten Ruf der Erfurter Schauspielschule, so etwa in der 21. Minute, als ihm der bei einem Konter touchierte Morabit einen Oberschenkelhalsbruch suggerieren will. Es bleibt bei einem Freistoß für Mordor, der so ungefährlich für Berbig ist wie fast alles im Spiel, was die Orks offensiv zu bieten haben. Nur in der Anfangsviertelstunde erntet Rot-Weiß gelegentlich die Früchte dessen, was dem FCC beschert wurde durch den Ideenreichtum Heiko Webers, des genialen Erfinders der Viererkette mit virtuellem Rechtsverteidiger.

Spätestens mit Pichinots Chance in der 18. Minute hatte sich das Match nur in eine Richtung entwickelt, hin zu Sponsels Tor, dem besten Erfurter nach Ullmann. Jena nicht nur mit Biss sondern auch mit Spielkunst, getragen vom umsichtigen Schmidt, dem laufbereiten wie spielstarken Eckardt, beflügelt durch Simaks Eleganz, profitierend von Hähnges Übersicht und Pichinots Wuseligkeit. Doch Jenas Stärke an diesem Tag besteht weniger in der Qualität einzelner Spieler. Es ist die Geschlossenheit, die den Unterschied ausmacht, denn es gibt keine erkennbaren Schwachpunkte in der Mannschaft, keine Ausfälle, die mit durchgeschleift werden müssen. Der FCC hat ein neues Gesicht, erspielt sich Chancen in selten erlebter Fülle. Nur eines erinnert an die bisherige Saison: Die Möglichkeiten, welche sich Pichinot, Hähnge oder Simak bieten, bleiben ungenutzt. Und so fällt die gute Stimmung gegen Ende der ersten Hälfte leicht ab. Die Horda macht zwar ihren Job, glänzt ebenso mit einer geilen Choreo, aber die durchgepeitschte Feiermeute auf der Haupttribüne kommt immer öfter ins Grübeln, ob man sich in eine Ekstase halbminütigen Klatschens hineinsteigern soll oder besser gedankenverloren an seinem Bier nippt.

Die zweite Hälfte beginnt wieder mit einem Erfurter Offensiv-Strohfeuer, welches sich prompt auf den Gästeblock überträgt, wo sich wie zu Anfang des Spiels offenbart, dass sich ein Weihnachten ohne Tannenbaum leichter vorstellen lässt als ein RWE ohne seine Vollpfosten-Schwadronen. Jena ist abermals im Vorwärtsgang und drängt die Orks in ihre Hälfte. Wieder gibt es Chancen für Eckardt, Simak, Ullmann und immer wieder für Pichinot, und alle bleiben sie ungenutzt. Mordor ist zufrieden mit dem 0:0, so viel ist klar, spätestens als Emmerling in der 68. Minute mit der Einwechslung von RWE-Verteidiger Ströhl für Stürmer Morabit signalisiert, dass er den 17.12. gern als Ehrentag der Betonwerker feiern möchte. Es regnet mittlerweile, der Boden ist tief, jeder Schritt kostet Kraft. Mehr und mehr bleibt nur die Hoffnung auf einen lucky punch.

Und dann scheppert es wirklich. Ein Freistoß für die Orks kommt in den Jenaer Strafraum, wird weitergeleitet zu Manno, der zieht ab aus guter Position, doch Berbig begräbt den Ball sicher. Trotzdem ertönt ein Pfiff! Warum??? Der Schiri zeigt Rot!!! Und Meyer zeigt die Karte dem Richtigen: Drexler, der Komparativ von Dreck (@ Wurz v.B.: Ich weiß selbst, dass man Substantive nicht steigern kann ;-) ), die Fleisch gewordene Hinterlist. Im August war der Liebling der Rot-Weiß-Fans schon mal einem auf dem Boden liegenden Gegenspieler bewusst auf die Knochen gestiegen und hatte wohl Gefallen gefunden an solchen Spielchen, da er trotz Fernsehbildern ungestraft davon kam, so dass er jetzt mal schnell mit dem Handrücken Ullmann eine langte. Nun also Mordor nur noch zu zehnt! Wann, wenn nicht jetzt sollten die Orks zur Strecke gebracht werden?

Fünf Minuten später scheint es dann soweit: Eine Zidane-Flanke von Rene Eckardt schwebt zum Fünfmeter-Raum, wo sich Pichinot gelöst hat. Jenas Stürmer schraubt sich hoch im vollen Lauf, er liegt in der Luft wie einst Horst Hrubesch und er schmettert den Ball in Richtung Kasten. Die Fans reißen die Arme hoch – und fallen in sich zusammen. Drei Meter geht das Leder am Tor vorbei! Das Derby hat seinen tragischen Helden. Was will man noch für Chancen? Was geht überhaupt noch? Sander kann noch wechseln. Er bringt erst Jovanovic für Landeka, dann Siefkes für den starken Schmidt, wodurch wieder so eine Art numerischer Gleichstand auf dem Feld herrscht. Zwei Neue für die Offensive; Sander will Sekt, nicht Selters.

Und wenige Sekunden nach dem zweiten Wechsel ist der Kasten Blubberwasser fast futsch. Jena zeigt sein Herbstkleid, die Abwehr flattert im Winde, als Mordors Manno sich knapp vor der Grundlinie durchsetzt und zum völlig freien Reichwein passt, der nicht lange fackelt und halbrechts aus 6-7 Metern auf Berbigs Kasten draufhält. Jenas Keeper reagiert glänzend, hält den Ball jedoch nicht fest und die Pille kullert zwei Meter vor der Torlinie entlang und müsste nur eingeschoben werden. Zum Glück duscht Mordors zweiter Stürmer bereits und erspart uns, wie sich die Orks gefeiert hätten bei diesem Treffer, was sie doch für eine abgezockte Truppe sind, die sich 90 Minuten lang totstellt um dann gegen einen abgekämpften Gegner den Stich in die Brust zu landen. Es wäre ein Tor gewesen, wie es typischer nicht sein könnte für diesen FCC des Herbstes 2011; es wäre das Ende aller Träume vom Klassenerhalt.

Kurzes Durchatmen. Vielleicht muss man mit dem Punkt zufrieden sein? Beim Durchsickern des Chemnitzer Zwischenstandes ist klar, wie die Antwort ausfällt. Natürlich wird Jena nach Abpfiff Komplimente erhalten für sein gutes, engagiertes Spiel: „Viel besser als der Tabellenplatz!“, „Wer so spielt, steigt nicht ab!“, „Wenn man so weiter macht beim FCC, dann kommt man da unten wieder raus!“ Alles ehrlich gemeintes Lob, doch es werden Komplimente sein für einen Absteiger. Und so tickt die Uhr gegen den FCC, immer weiter. Jena will zum Dreier dampfen, doch es sind nur noch ein, zwei Minuten bis Buffalo, alles brennt lichterloh. Ein John Maynard ist nicht auszumachen, nur die Brechstange bleibt dem FCC. 20 Sekunden vor dem Ende der 90 Minuten rollt der letzte Angriff. Hähnge wirkt eingekeilt auf rechtsaußen, gleich drei Orks stürzen sich auf ihn. Sie stellen ihn aber nicht. Hähnge läuft zur Mitte, sieht im Augenwinkel den freien Jovanovic und dann kommt ein Pass von göttlicher Schönheit. Jovanovic ist frei an der Strafraumgrenze, zieht mit dem Ball nach innen. „Jetzt klirren gleich im Jen-Tower ´n paar Scheiben“, durchzuckt es mich, aber Jovanovic ballert nicht blind drauf los sondern geht noch ein paar Schritte und spielt den Ball zurück zur Mitte in Richtung Elfmeterpunkt, wo im Augenblick noch keiner steht, doch da kommt Hähnge schon angerauscht mit Riesenschritten, Hähnge, der verflucht wurde im Hinspiel, und Hähnge zieht voll durch und trifft den Ball und die Orks können sich strecken, so lang wie sie wollen: Das Netz bäumt sich auf.

Thüringen : EINS!!!!!!!!

Mordor: NULL!!!!!!!!!!

Die Welt steht still. Alles ist wie in Zeitlupe. Ewig dauert die Nachspielzeit. Doch dann ist es

AUS!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Thüringen tanzt, Thüringen feiert. Wen interessiert Heiligabend? Wir sind genug beschert! 7 Punkte zum Nichtabstieg? Scheißegal – wir holen auch 20 auf!

Stunden später ist der Puls wieder normal. Wenn die Euphorie auch der Nüchternheit wich, es bleibt das Gefühl innerer Ruhe und tiefer Zufriedenheit. Sportlich ist es immer noch 5 Sekunden vor 12 für den FCC. Doch am Samstag zeigt die Truppe: So geht Derby! So geht Abstiegskampf! Wir wollen den Zeiger mit aller Macht zurückdrehen! Und die am Samstag im Stadion waren oder daheim vorm Bildschirm saßen, die sahen eine Mannschaft, die lebt und die kämpfen will um ihre Chance. Mögen Yorick und Co. in der Rückrunde Grabkränze flechten und Nekrologe dichten; wir anderen haben die frohe Botschaft des 17.12. verstanden:

KÄMPFEN BIS ZUM SCHLUSS!

--Al Knutone