1960 15. Spieltag: SC Motor Jena - SC Wismut Karl-Marx-Stadt 0:1

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Spieldaten
Wettbewerb DDR-Oberliga, 15. Spieltag
Saison Saison 1960, Rückrunde
Ansetzung SC Motor Jena - SC Wismut Karl-Marx-Stadt
Ort Ernst-Abbe-Sportfeld
Zeit So. 28.08.1960 16:00 Uhr
Zuschauer 12.000
Schiedsrichter Werner Bergmann (Hildburghausen)
Ergebnis 0:1 (0:0)
Tore
  • 0:1 Wachtel (79.)
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Trikotfarben
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Jena
Harald Fritzsche
Hilmar Ahnert, Klaus Gablick, Hans-Joachim Otto, Siegfried Woitzat, Hans Graupe, Helmut Müller, Dieter Lange, Peter Ducke, Walter Eglmeyer, Horst Kirsch

Trainer: Georg Buschner

Trikotfarben
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Aue
Klaus Thiele
Lothar Schlegel, Karl Groß, Konrad Wagner, Siegfried Wolf, Manfred Kaiser, Klaus Zink (75. Karl-Heinz Mohr), Dieter Erler, Willy Tröger, Gottfried Eberlein, Siegfried Wachtel

Trainer: Manfred Fuchs

Spielbericht

Der taktische Plan des Meisters ging auf

Nicht im richtigen Moment von Defensive auf Offensive umgeschaltet

Selten genug erlebten wir in der Vergangenheit, daß eine Spitzenbegegnung unserer Oberliga die Erwartungen erfüllte. Dieses Mal wurden wir angenehm enttäuscht. Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als günstig. Immerhin fehlten beim Meister Mittelverteidiger Bringfried Müller, Läufer A. Müller und Torwart Neupert, beim SC Motor Roland Ducke und Heinz Marx. Trotz Dauerregen, tückischem nassem Boden und umformierten Mannschaften wurden die 12000 Zuschauer Zeugen einer gutklassigen Begegnung.

Ein wenig überraschend für uns: Den größten Anteil daran hatte die junge, gastgebende Elf. Der Meister stellte sich keineswegs in bester Verfassung vor und ließ vor allem im Angriff viele Wünsche offen. Um so besser zeigte sich der SC Motor in Schuß. Es machte Freude, den technisch und körperlich sehr gut durchgebildeten Jungen zuzuschauen. Nicht selten erhielten feine Einzelleistungen der Ducke, Müller und Lange, die kluge Kombinationen über 4 bis 5 Stationen zeigten, Beifall auf offener Szene. Und doch mußte sich die Mannschaft, die knapp 90 Minuten das Geschehen sicher bestimmte, den Meister sicher bestimmte, bestimmt ein gutes Dutzend Chancen mehr erspielte, geschlagen bekennen, beide Punkte nach Aue ziehen lassen.

Das ist gewiß bitter. Aber die Ursache? Wo liegt sie? "Die Routine der Wismut-Elf ist unbezahlbar", meinte Jenas Trainer Buschner, damit die Ursache für die dem Spielverlauf nach tatsächlich nicht entsprechende Niederlage suchend. Er hat gewiß nicht unrecht, aber uns schien das nur ein Teil der Wahrheit. Die ganze Wahrheit sieht so aus: Wenn man trotz klarer Feldüberlegenheit eine Mannschaft, die nicht einmal in Glanzform spielt, nicht in die Knie zwingt, muß man die Ursache zuerst in den eigenen Reihen suchen.

Jenas Spielweise ist sehr kräfteraubend. Um die Schwächen in der Abwehr (Stopper Marx ist verletzt, Klaus Gablick, von Hause aus ein Läufer, kann ihn verständlicherweise nicht voll ersetzen) zu verdecken, zieht man einen Stürmer in die Abwehr zurück. Dieses ist doch das Eingeständnis der eigenen Schwäche, muß die vier Spieler im Angriff stärker belasten. Diese Taktik (Doppelstopper) mag angesichts der zu erwartenden Gefährlichkeit des Wismut-Angriffs noch eine gewisse Berechtigung gehabt haben. Als sich aber der Wismut-Sturm mehr und mehr als ein "laues Lüftchen" zeigte, hätte umgeschaltet werden müssen. Dieses geschah nicht. Eglmeyer (Nr. 10) klebte auch weiterhin an den Fersen Willi Trögers, wagte sich nur selten über die Mittellinie.

Da auch die Läufer lange Zeit betont sicher operierten, nur selten mit aufrückten, blieb der Vier-Mann-Sturm lange Zeit auf sich allein gestellt. Zugegeben, die vier jungen Leute beschäftigten die starke Wismut-Abwehr auch allein außerordentlich, ja, sie ließen sie vielmals recht geschickt stehen, aber auf die Dauer reichte die Kraft nicht aus. Wohl gelang es Peter Ducke, 1 bis 2 Mann zu umspielen, doch dann fehlte halt die Kraft und die Konzentration, scharf und genau zu schießen. Die meist überhasteten Schüsse waren eine sichere Beute von Klaus Thiele. Wie Peter Ducke, der mit seiner quirligen Spielweise, seinen überraschenden Finten noch der gefährlichste Jenaer Stürmer war, erging es seinen Nebenleuten. Es fehlte einfach der 5. Mann, die Unterstützung aus der Läuferreihe. Mit 4 Mann kann man eine Abwehr von der Klasse der Wismut-Elf nicht ausspielen. Zudem verführt dieses ja gerade zur Vernachlässigung des Flügelspiels. Stets suchte man nur den kürzesten Weg zum Tor, und der führte dann eben über das Abwehrzentrum. Hier aber stand mit Karl Groß ein Mann, der Bringfried Müller recht gut ersetzte. Zwei Pfostenschüsse blieben so die einzige Ausbeute der Jenaer, obwohl es an Chancen wahrlich nicht mangelte. Die taktische Schwäche, nicht im richtigen Moment von Defensive auf Offensive umgeschaltet zu haben, nicht die gesamte Mannschaft in den Dienst des Angriffs gestellt zu haben, kostete Jena diese zwei hochwichtigen Punkte.

Über 80 Minuten hatte man schließlich zu tun, sich der gegnerischen Angriffe zu erwehren, aber als sich eine der wenigen Chancen bot, schlug Wismut kaltschnäuzig zu. Überraschend löste sich Manni Kaiser (70. Minute) im blitzschnellen Angriff aus der Abwehr, stürmte mit dem Ball am Fuß bis in den gegnerischen Strafraum, umkurvte Gablick und servierte dem ungedeckt 10 Meter vor dem Tor lauernden Wachtel das Leder. Der konnte sich in aller Ruhe die richtige Ecke aussuchen, überwand Fritzsche durch einen glasharten Flachschuß ins linke Eck. Zweifellos sind die jungen Jenaer um eine Erfahrung reicher. Zweifellos ist dieses recht bitter. Schließlich gab jeder sein Bestes, rackerte fleißig in Abwehr und Angriff, aber letztlich wird ein Fußballspiel auch mit dem Kopf entschieden. Klug die Schwächen des Gegners zu erkennen, geschickt den rechten Moment zum entscheidenden Schlag auswählen, das können die Jenaer noch nicht. Hier haben sie erhebliche Schwächen. Sie gilt es zu beseitigen, soll der zweifellos veranlagten Mannschaft der Sprung in die Spitze unserer Oberliga gelingen.

(Horst Friedemann in "Die Neue Fußballwoche" vom 30. August 1960)