2005/2006 36. Spieltag: VfB Lübeck - FC Carl Zeiss Jena 0:0

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Spieldaten
Wettbewerb Regionalliga, 36. Spieltag
Saison 2005/2006, Rückrunde
Ansetzung VfB Lübeck - FCC
Ort Stadion Lohmühle in Lübeck
Zeit 13.05.2006, 14:00 Uhr
Zuschauer 7.300
Schiedsrichter Pickel (Mendig)
Ergebnis 0:0
Tore
  • Fehlanzeige
Andere Spiele
oder Berichte

Aufstellungen

Lübeck
Frech
Türkmen (70. Kampf), Schröder, Neumann, D. Dogan
HirschGelbe Karte.gif, Kullig, Möckel
HesseGelbe Karte.gif (81. Karadas), Daniel Bärwolf (55. Neitzel), Streit
Trainer: Stefan Böger


Jena
Christian Person
Holger Hasse, Alexander Maul, Toni Wachsmuth
Krzysztof Kowalik, Maik Kunze (66. Daniel Zaccanti), Ronny Thielemann, Mark Zimmermann, Stefan Kühne (85. Felix Holzner)
Sebastian Hähnge, Fiete Sykora
Trainer: Heiko Weber


Spielbericht

Eintrittskarte

Die Spielvorbereitung verlief gewohnt penibel: Alles Waschbare des Haushalts wanderte in die Maschine, um anschließend mit blauen, gelben und weißen Klammern an der Leine befestigt zu werden. Die Auswärtssieg-Hose angezogen, den bald sein 25. Dienstjubiläum feiernden Schal ins Säckelein verfrachtet, dazu das Edelfake-80er Jahre-EC-Shirt verstaut, schnell noch Rudi27 eingeladen und auf gings mit Stopsles L-CZ Mobil nach Göttingen, um von dort aus anderentags in größerer Runde per Zug gen Lübeck zu fahren.

Es hatte etwas Symbolhaftes, dass wir unser Basislager für den Weg zum möglichen Aufstieg in einer Stadt aufschlugen, die einst den Gebrüdern Grimm als Wirkungsstätte diente und so brachen wir denn auf an diesem 13. Mai, der so geschichtsträchtig ist für unseren Verein, wenn auch nicht jede dieser Geschichten zum Fußballmärchen mit Happy-End wurde. Auf der Fahrt nach Norden schwammen wir lange Zeit mit in einem bunten Schwarm grünweißer und rautenbesetzer Leibchen, der sich in Richtung AOL-Arena ergoss, bis wir uns vom Hauptstrom der Werderaner und HSVer trennten und dorthin fuhren, wo zwar nicht über 50 000 mit ihren Mannschaften bangen würden, aber die Hingabe der Fans an ihre Vereine darum nicht geringer wäre.

In Lübeck gabs viel Sonnenschein und das Wiedersehen mit vielen alten Kämpen. So langsam füllte sich der Gästeblock, in dem sich schlussendlich rund 1000 Zeissfans einfanden. Die wunderten sich beim Nennen der Jenaer Mannschaftsaufstellung über das Fehlen von Tobias Werner, womit nach Torsten Ziegner, Kevin Schlitte und Ralf Schmidt der vierte Stammspieler in diesem Spitzenspiel ausfiel. Auch Lübeck trat nicht in Bestbesetzung an, sondern musste zum wiederholten Mal den Ausfall von Tobias Schweinsteiger verkraften, den ich ganz gern einmal live gesehen hätte, schon allein, um zu ergründen, ob sich auch bei ihm jene Gesichtszüge finden lassen, die den Onomastiker in mir auf den Plan rufen und mich bei seinem im Bayerndress kickenden Bruder beständig fragen lassen, worin wohl die sexuellen Präferenzen seiner Namensurahnen bestanden haben werden.

Das Mitwirken des VfB-Mittelfeldregisseurs hätte dem Spiel der Hausherren wohl nicht schlecht getan, denn die erste Hälfte der Partie vermittelte vor allem die Gewissheit, dass die Gestade der Ostsee manche Gefahr für die Stadt bergen mögen, die Lohmühle aber ein Ort ist, an dem man sicher sein kann, nicht in Lübecker Angriffskreativität zu ersaufen. Der VfB rannte zwar unentwegt an, doch die Variationsbreite des Offensivspiels bestand vor allem darin, Flanken aus dem Halbfeld entweder weit und hoch oder hoch und weit zum Jenaer Strafraum zu schlagen. In Folge dessen gab es für Lübeck bis zur 45. Minute keine einzige hundertprozentige Chance zu verzeichnen.

Wenigstens in dieser Hinsicht sah das beim FCC etwas besser aus, denn im Anschluss an eine Ecke nahm Zimme den Ball direkt und donnerte ihn ans Lattenkreuz (23.). Ansonsten merkte man Jena an, dass gegen die zweitbeste Heimmannschaft der Liga solche ballsicheren Spieler wie Ziege oder Schmidt ebenso fehlten wie die schnellen Außen Werner und Schlitte, denn von jenem gefährlichen Konterspiel, das den FCC maßgeblich zur stärksten Auswärtsmannschaft machte, sah man zu wenig. Dafür klappte es in der Defensive umso besser und darauf kam es vor allem an, denn Jena musste das Spiel nicht machen, weder der Tabellenkonstellation nach, noch in Anbetracht des Hinspiels auf Thüringer Boden, wo mir der VfB Lübeck nicht als Mannschaft in Erinnerung blieb, die bedingungslosen Angriffsfußball zelebrierte.

Nach der Pause änderte sich das Bild etwas, wenn auch nicht grundlegend. Wer das Spiel bis dato langweilig fand und auch keine Lust hatte, sich stattdessen an einem Blick auf das Brustpiercing von Goethes Faust zu ergötzen, der war nun vom Schiri eingeladen zu einer spannenden Runde „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und konnte eifrig darüber rätseln, warum auf der einen Seite Freistoßpfiffe pro Lübeck erfolgen, während bei ähnlichen Szenen gegen Jenaer Spieler überwiegend auf „Weiterspielen!“ entschieden wurde. Bei diesem Maß an tendenzieller Bevorteilung der Gastgeber durch Schiri Pickel wünschte man sich, es möge kübelweise Clerasil regnen.

Nicht zuletzt deshalb hatten Person und seine Vorderleute nun etwas mehr Probleme, dem Lübecker Dauerdruck standzuhalten. Doch außer kick and rush fiel den Gastgebern lange nichts ein, um das Jenaer Bollwerk zu überwinden; bis zur 62. Minute. Dann fanden sich doch einmal zwei Lübecker zu einem Doppelpass auf rechtsaußen, in dessen Folge Türkmen fast bis zur Grundlinie durchlief und dann eine scharfe Eingabe in den Strafraum schlug, wo Lübecks Möckel den Ball direkt nahm und sofort abzog. Schon flogen die Arme hoch im grünweißen Block, doch ein Torschrei kam nicht über die Lippen, denn wer von den Lübecker Fans bisher nicht verstand, warum der FCC seit über fünf Spielen kein Gegentor mehr gefressen hat, der wusste es jetzt, denn Christian Person tauchte hinunter und wehrte Möckels Knaller in einer Art ab, die den VfBlern lehrte, seinen Namen künftig mit Ehrfurcht auszusprechen.

Es war Zeit für Jenaer Entlastung. So sah es auch Weber und brachte wie gewohnt Edeljoker Zaccanti. Ebenfalls wie gewohnt hatte der beim Griff in die Kiste mit den Erfrischungsgetränken eine Dreiliter-Vorteilsflasche Chancentötulin erwischt und mehr als einen ordentlichen Schluck daraus genommen, denn nachdem er in der 71. Minute von Thiele wunderbar freigespielt wurde, scheiterte er frei vor dem Lübecker Torwart und konnte auch den Abpraller nicht verwerten. Ungeachtet dieser vergebenen Großchance gewann Jenas Spiel mit seiner Einwechslung an Sicherheit, da es der Argentinier wesentlich besser als zuvor Kunze verstand, den Ball auch unter Bedrängnis zu behaupten und in den eigenen Reihen zu halten.

Trotzdem raufte man sich im Zeissblock ob dieser ungenutzten Möglichkeit die Haare und wäre eine Minute nach Zaccantis Riesen wohl völlig frustriert gewesen. Denn dann kam sie, die große Chance für Lübeck, jenes für einen Heimsieg nötige Tor zu erzielen, mit dem die Meisterschaft noch spannend werden könnte. Es war nur eine von zwei Torszenen, in denen die Heimmannschaft Zweitligatauglichkeit zeigte, doch diese Szene hätte die entscheidende sein können. 15:22 wars, als es zum Highnoon im Jenaer Strafraum kam. Lübecks Hirsch hatte Wachsmuth mit einem Lupfer überlistet und so gab es freie Bahn für den eingewechselten Lars Kampf, der sich wenige Meter vor dem Tor nur noch Christian Person gegenüber sah. Doch Jenas Gelber Riese zeigte, dass er nicht nur groß ist, dass er nicht nur unendliche Ruhe ausstrahlt, die jeder Abwehr Sicherheit gibt, sondern dass er auch immer hellwach und blitzschnell ist, denn als der Lübecker abzog, da schnippte der linke Arm Persons wieder raus und er zog damit den Lübeckern den Nerv und machte ihnen deutlich, dass es andere Stürmer brauchen wird als einen Bärwolf, Neitzel oder eben Kampf, um ihn zu überwinden.

So stockte den Jenafans nur kurz der Atem, bis es gleich wieder laut wurde im Block und das „Hey, FC Carl Zeiss!“ und „Jena, Jena!“ bis zum Abpfiff kein Ende fand. Mit jeder Minute, die verstrich, wuchs die Gewissheit, dass uns nur noch ein Hauch trennt von Spielen gegen Köln, Kaiserslautern und Hansa. Die Partie blieb spannend bis zum Ende, auch weil Jenas bester Angriff der Partie über Zaccanti und Zimmermann keinen erfolgreichen Abschluss fand, da Hähnge wohl mindestens die Neige aus Zaccantis Flasche gesoffen hatte. Aber diese dritte vergebene Jenaer Großchance blieb eine Petitesse und dann war es aus und dann war da nur noch Jubel im Zeissblock und bei den Blauen auf dem Rasen und bei allen Anderen, die so wie Rainer Zipfel in jahrelanger Arbeit dafür gesorgt haben, dass Jena wieder ein Ort auf der Fußballlandkarte ist, der dort vielleicht nicht doppelt unterstrichen wie eine Metropole erscheint, aber doch in dicken, kräftigen Lettern.

Noch Minuten nach dem Spiel standen die Fans im Block und feierten dieses schwer erkämpfte 0:0 wie einen Sieg. Die Mannschaft kam zum Zaun, Heiko Weber und Rainer Zipfel genossen die Ovationen. Und in all dem Jubel wählte ich Wimecks Nummer, nahm mein Handy und hielt es einfach nur in die Luft, die gefüllt war vom „Wir steigen auf!“-Gesang, um ihn aus der Ferne teilhaben zu lassen an etwas, das zu beschreiben mir seit Wochen die Worte fehlen. Es sind Augenblicke wie diese, von denen als Fan lange zehren kann und wenn ich in die Gesichter vieler alter Kämpen sah, dann ging es wohl nicht nur mir so. Wie oft standen wir Alten, die wir Real wie Neugersdorf sahen, in den letzten Jahren am Schluss einer Saison da und trennten uns mit einem „Alles wird gut!“, jener Mischung aus Trotz und Sarkasmus, die man braucht, wenn man weiß, dass die neue Spielzeit wieder nur Grimma und Eilenburg bietet. Nun hat dieser Spruch seine Bitterkeit verloren und geht leicht über die Lippen, denn seit gestern weiß ich:

Wir steigen auf!

--Al Knutone 19:30, 14. Mai 2006