Saison vor 1903

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Die ersten Fußballspiele in Jena

Auch vor der Gründung des Fußball-Klub Carl Zeiß Jena im Mai 1903 gab es schon Aktivitäten, in Jena Fußball zu betreiben. Hermann Peter gründete 1890 den "Fußballverein Jena". Zum ersten öffentlichen Spiel kam es aber erst am 30. Juli 1893. Die "Jenaischen Zeitung" schrieb am 13. August 1893 vom ersten öffentlichen Spiel in Thüringen, wörtlich: "Das erste offizielle Fußballspiele in Thüringen fand am 30. Juli 1893. Zwischen einer Mannschaft aus Leipzig und aus Jena". Weitere Belege, dass es wirklich das erste Fußballspiel in ganz Thüringen war, sind allerdings derzeit nicht bekannt.

Die nachfolgenden Informationen über die ersten Spiele in Jena wurden dankenswerterweise vom Historiker Dr. Hans-Georg Kremer zur Verfügung gestellt.

"Jenaische Zeitung" zum ersten Fußballspiel in Jena

Das Spiel selbst wurde in der Ausgabe vom 29. Juli 1893 wie folgt angekündigt:

„Wie wir hören, findet Sonntag, den 30. Juli, von abends 6 Uhr im kleinen Paradiese ein Fußballwettspiel zwischen dem Fußballverein Jena und der Spielvereinigung des allgem. Turnvereins in Leipzig statt. Leider gestattet der geringe Raum des Spielplatzes nicht die Anwesen eines sehr zahlreichen Publikums. Es werden aber für so viele Zuschauer, als Platz finden können, unentgeltlich Zutrittskarten abgegeben; wer sich für dieses Spiel interessiert oder es kennen lernen will, kann, soweit noch Karten zur Verfügung stehen, solche von Mitgliedern des Fußballvereins erhalten. Wir fügen zur Erklärung dieses Spieles Folgendes hinzu. Die Plätze, auf denen es in England gespielt wird, sind gewöhnlich 60 m breit und 120 m lang (der Platz im Paradiese hat nur eine durchschnittliche Breite von 35 m und eine Länge von 93 m: die Spieler werden deshalb häufig ins Gedränge kommen, und der Ball wird öfter über die seitlichen Grenzen gestoßen werden). Es spielen zwei Parteien gegeneinander, von denen jede auf einem normal großen Platze 11 Mann stark ist, und von denen jede ein Mal zu vertheidigen hat. Die beiden Male befinden sich auf den kurzen Seiten und bestehen aus zwei 6 m voneinander entfernten Pfosten, die oben durch ein Querband verbunden sind. Es kommt darauf an, den Ball durch das Mal der Gegner zu stoßen (zwischen den Pfosten und unter dem Bande hin) und zu verhindern, daß der Ball durch das eigenen Mal geht. Dabei darf kein Spieler – mit Ausnahme des einen, der im Male steht – den Ball weder mit den Händen, noch mit den Armen berühren. Jede Partei stellt sich am anfange des Spieles in 3 Linien auf und sucht in dieser Aufstellung vorzudringen, wobei die hinteren Linien die vorderen unterstützen und jeder Spieler seine besondere Aufgabe hat. Der Kampf wird durch einen Unparteiischen überwacht, der bei vorkommenden Fehlern die dafür festgesetzten Strafen bestimmt (bevorzugte Stellung oder bevorzugter Abstoß für die andere Partei). Es wird vorher ausgemacht, wie lange gespielt werden soll; nach der Hälfte der Spielzeit tritt eine kurze Pause ein; am Schluß hat die Partei gewonnen, die am häufigsten den Ball durch das Mal der Gegner gebracht hat.“

Und nach dem Spiel wurde das Ereignis folgendermaßen beschrieben:

Im Paradies findet das erste öffentliche Fußballspiel des Fußballvereins Jena gegen den ATV Leipzig statt. Anfangs wurde 9 gegen 9 gespielt, da der Jenaer Mittelstürmer fehlte. Nach Ankunft des fehlenden Spielers wurde 10 gegen 10 gespielt. Da sich ein Jenaer Spieler verletzte war dann Jena in der Unterzahl. In der ersten Halbzeit schoss Leipzig ein Tor. Der älteste Jenaer Spieler war 46 Jahre alt. In der zweiten Halbzeit durfte Jena einen Ersatzspieler einwechseln. In der ersten Halbzeit schiedste ein Leipziger in der zweiten ein Jenaer. In der Jenaer Mannschaft spielten fünf Engländer und ein Deutsch-Österreicher. Nach den Berufen waren unter den Jenaern ein Arzt, fünf Lehrer, ein cand. theol. und drei Studenten. Es waren etwa 500 Zuschauer zugegen. „Den Leipzigern sei an dieser Stelle dafür gedankt, daß sie bereitwillig die Gegnerschaft annahmen und dazu beitrugen, den Jenensern einen eigenartigen Genuß zu bereiten, gleichzeitig auch der Spielbewegung hier ein weiteres Interesse zu verschaffen.“

Vermutlich hat in diesem Spiel auch Joseph Joe Findlay mitgespielt. Aus späterer Zeit sind Publikationen von ihm an der Universität Cambridge (Arnold of Rugby, 1897) und an der Universität Manchester (The Demonstration Schools Record, 1908 – 1913). Einem Verweis nach ist er von 1907 bis 1931 an der Universität Manchester.[1]

Zeitschrift "Spiel und Sport" über die Anfänge des Fußballs in Jena[2]

Die Zeitschrift "Spiel und Sport" berichtet am 5. August 1893 ausführlich von den Anfängen des Fußballs auch in Jena. Der Autor wird nur mit "P." erwähnt, vermutlich handelte es sich dabei um den oben schon erwähnten Hermann Peter:

"In den letzten Jahren, besonders nach einem Erlasse des preußischen Finanzministers v. Goßler vom 27. Okt. 1882, hat man in vielen Orten Deutschlands in Schulen, Vereinen und Gesellschaften Veranstaltungen getroffen für die grundsätzliche und geordnete Pflege der Bewegung im Freien. Man will der Jugend und den Erwachsenen mit diesen Veranstaltungen weitere Mittel zur Erholung beschaffen, namentlich der geistigen Beschäftigung eine ausreichende körperliche Beschäftigung zuordnen.

Solche Veranstaltungen bezwecken in erster Linie den Betrieb von Bewegungsspielen; denn das Spiel ist im hohen Grade im Stande, „die geistige Ermüdung zu heben, Leib und Seele zu erfrischen und zu neuer Arbeit fähig und freudig zu machen“ (v. Goßler)

Ein anerkanntes Beispiel für den segensreichen Einfluß der mit dem Bewegungsspiele verbundenen körperlichen Übungen ist England; Dort ergötzt sich an Werktagen Jung und Alt auf eigens dazu bestimmen Rasenplätzen am Ballspiel u. dergl.; ein Gymnasium könnte sich der Engländer eher ohne Lehrzimmer, als ohne Spielplatz denken. Die auf den Betrieb der Spiele bezügliche Stelle aus dem Berichte des Londoner Stadtrathes von 1892 lautet: „ Der Zustand der Parks und öffentlichen Plätze Londons ist ein sehr zufriedenstellender. Die Förderung der Spiel- und Leibesübungen ist einer der angenehmsten Theile unserer Arbeit. Im vergangenen Jahre wurden nicht weniger als 6700 Plätze für Cricket und 1000 Plätze für Fußball hergestellt und verwaltet, sowie noch sehr viele Tummelplätze für Kinder.“

Wohl wird es in den meisten deutschen Städten nicht dahin kommen können, daß wie in London für je 2000 Einwohner drei große Schlagballplätze und außerdem für je 5000 noch ein ausreichender (50 – 70 m breiter und 100 – 140 m langer) Fußballspielplatz hergestellt und in Stand gehalten wird. Durch die Unterstützung von Behörden und Privatleuten ist aber auch in Deutschland schon viel erreicht worden. Namentlich haben Militärbehörden ein größeres oder geringeres Entgegenkommen gezeigt und den Wünschen der spielenden gegenüber betreffs Mitbenutzung der Exerzierplätze sehr zuvorkommend gehandelt; aber auch Gemeindebehörden haben oft mit erheblichen Mühen und Kosten Plätze herstellen lassen und so die Grundbedingung für die Entfaltung eines regen Spielbetriebs geschaffen. Bezüglich privater Förderung ist unter anderen Orten Bonn zu nennen, wo vor 3 Jahren von 40 Bürgern eine Fläche von 255 Ar. für 66000 M. für die Zwecke von Leibesübungen und Spiel im Freien angekauft worden ist.

Als im Jahre 1883 das hiesige Gymnasium den Spielbetrieb einführte, wurde von der Stadt bereitwillig das kleine Paradies zur Verfügung gestellt. Dort ist das Spielbedürfniß auch in Erwachsenen rege geworden. Im Jahre 1890 versuchten sich einige Herren im Spiel mit dem großen Stoßballe. Sie entschlossen sich, zunächst die Einübung des schwierigen, aber äußerst interessanten Fußballspiels in Angriff zu nehmen; es bildete sich ein Fußballverein, der ursprünglich 8, dann 16, jetzt über 30 Mitglieder zählt. Diesem Vereine gehören Lehrer aller hiesigen Schulen (der Universität, des Gymnasiums, der Institute, der Bürgerschulen, des pädagogischen Seminars) einige Aerzte, Kandidaten der Theologie, Studierende, einige Kaufleute und Andere aktiv an. Die Stellung dieser Herren führte sie gleich am Anfange der Betheiligung dazu, nicht nur zu spielen, sondern sich auch Urtheile über das Spiel zu bilden: Über seinen Werth überhaupt seine Brauchbarkeit für Deutsche, für Erwachsene u. f. w. Das Resultat dieser Erwägungen war, daß sich der Verein, wie es schon andere Vereine in Deutschland gethan hatten, für die einfacheren Bestimmungen der Football - Association entschied, nach denen namentlich in Nordengland gespielt wird. Die ganze Angelegenheit wurde wesentlich gefördert durch ein Mitglied aus England, den Herr [Magister Joseph J.] Findlay, der von Jugend auf sich an diesem Spiele beteiligt hat und mehrere Jahre in seinem Vaterlande als Leiter einer Knabenschule seine Zöglinge das Spiel zu lehren hatte. Die fortlaufende Kritik der Betheiligten führte zu einigen Abweichungen von der englischen Art, namentlich was das Verhalten gegen die feindlichen Spieler betrifft. Die Übertragung der Spielbestimmungen in die hiesigen Schulen hatte den günstigsten Erfolg. Der Fußballverein folgte Palmarum I.I einer Einladung der Spielvereinigung des Leipziger allg. Turnvereins, die an diesem Tage auf dem Gohliser Exerzierplatze einen Wettkampf gegen den „englischen Fußballklub“ aus Berlin zu bestehen hatte. Die Jenaer Spieler haben in Leipzig manche Anregung und Förderung empfangen, ganz besonders wurden sie auch durch die der Jenaer Art entsprechende rücksichtsvolle Spielmanier erfreut. In Leipzig wurde dann von einem zukünftigen Wettkampfe der Leipziger gegen die Jenaer gesprochen, der Plan auch erwogen bei einem Hiersein des Herrn Max Vogel aus Leipzig, des liebenswürdigen, gewandten und fachkundigen Spielrichters im 1. Theile des Wettspieles in Jena. Der Jenaer Fußballverein hatte sich bei seinem Entstehen die Aufgabe mit gesteckt, für die Entwickelung der Bewegungsspiele in Jena thätig zu sein und einst, wenn ein gütiges Geschick der Stadt zu einem größeren Spielplatze verholfen haben würde, mit Rath und That zur Verfügung zu stehen. Er verfolgte in der letzten Zeit die Bestrebungen des Gymnasiums und Pfeifferschen Institutes, eine große Spielfläche zu erhalten, mit Spannung und trug, als diese Angelegenheit in sicheres Fahrwasser gekommen war, den Leipziger Herrn den Wettkampf für den 30. Juli an, „um den für die Entwicklung der Bewegungsspiele in Jena Interessierten auch in spieltechnischer Beziehung einen Anhalt zur Beurtheilung zu verschaffen“. Von dem Tage des Antrags bis zum 30. Juli war nicht viel Zeit, gleichwohl nahmen die Leipziger die Aufforderung an. Am 29. Juli regnete es in Strömen, und die Leipziger fragten sich, ob sie nicht das Wettspiel telegraphisch abbestellen sollten. Sie unterließen es auf gut Glück, und der 30. Juli wurde ein Tag mit vorzüglich geeignetem Wetter: die Wiese war weder staubig noch naß, die Temperatur niedrig, der Himmel bedeckt, die Luft rein. Da dieser Wettkampf der 1. war, der in Thüringen nach englischem Muster ausgefochten wurde und höchst wahrscheinlich nicht der letzte sein wird, so erscheint es angemessen, mit einigen Worten auf ihn, auf dieses Spiel, auf die ganze Bewegung zur Förderung der Jugend- und Volksspiele etwas näher einzugehen.

Taktische Ausrichtung 1893

Es war bestimmt, dass 10 Mann gegen 10 Mann spielen sollten, welche am Anfange des Kampfes die in Fig. 1 angedeutete Aufstellung einnahmen. (siehe Skizze) Die Leipziger hatten sich ganz gleich gekleidet und unterschieden sich besonders durch die rothen Schärpen von den Jenaern; welche gelbe Armbinden angelegt hatten. Jede Partei vertheidigte ein Mal – das aus 2 senkrecht stehenden Stangen gebildet wurde, die in der Mitte der kurzen Seite standen und oben durch eine Leine verbunden waren – und beabsichtigte den Ball durch das Mal der Gegner zu stoßen, also zwischen den Stäben und unter der Leine hin. Die Spieler rückten in der ursprünglichen Aufstellung dem feindlichen Male entgegen, oder wenn ihr eigenes bedroht war, auf dieses zurück. Bei diesem Vor- und Zurückrücken trat naturgemäß sofort der Fall ein, daß die Parteien sich ineinander schoben. Da die Spieler beabsichtigten, den Ball nur ihren Mitspielern zuzustoßen und ihn gegnerischen Spielern abzunehmen, so mußte es Nichtkennern des Spiels den Anschein erwecken als ob da, wo die Spieler durcheinander standen, nur ein planloses Hin- und Herstoßen stattfände; es muss der Zuschauer eben beachten, wem im Augenblicke der Ball zugestoßen werden soll, ob er vor- oder zurückgespielt wird. Sehr häufig trat ein solches Hin und Her ein, wenn die Vorderspieler der einen Partei durch die gegnerische Vorderreihe hindurchgekommen waren und den Kampf mit den gegnerischen Mitspielern aufzunehmen hatten, die den Ball nicht vorbeilassen wollten. Richtiges Anhalten und Zustoßen des Balles, das weder mit den Händen noch mit den Armen geschehen darf, erfordert jahrelange Übung: es muß im Augenblicke berücksichtigt werden, ob man einem feindlichen Spieler gegenübersteht oder freie Bahn hat, ob der Ball über den Boden oder über den Köpfen, schnell oder langsam ankommt, ob der Mitspieler, der den Ball erhalten muß und deshalb sofort weiter vorgeeilt ist, rechts oder links, weit oder nicht weit entfernt steht, ob man tief oder hoch zustoßen muss u. s. w. Ebenso muß der vorrauseilende Spieler sehen, ob sein Mitspieler in der Lage ist, den Ball eine größere oder kleinere Strecke vorwärts zu bringen. Dazu kommt, daß der straff aufgeblasene Ball sich nach erhaltenem Stoße häufig wie ein angestoßener Billardball bewegt: in der Partie, welche die Leipziger gewannen – der einzigen, die überhaupt gewonnen worden ist – traf der Ball die eine Malstange der Jenaer und prallte zurück; er hatte durch den Anprall aber eine Drehung erhalten, die ihn wieder vorwärts brachte; durch diese Drehung wurde er um den Spieler im Male herumgeführt, so daß er zwischen den Stangen hindurch ging. Auf einer normal großen Spielfläche, die etwa 25 m breiter und länger ist, als der im kleinen Paradiese abgesteckte Platz war, spielt in der vorderen Reihe jeder Partei noch ein 5. Spieler. Erst auf einem so großen Plane zeigt sich das Spiel in seiner vollen Entfaltung: Die Spieler kommen beim Ineinanderschieben der. Parteien nicht so dicht aneinander, das ganze stellt sich als eine zusammenhängende Reihe von Einzelkämpfen der verschiedensten Form dar, der Kampf kommt nicht immerwährend an den Längsseiten durch das leidige Hinausrollen des Balles ins Stocken. Hätten die Zuschauer den Streit auf größerem Raume gesehen, sie würden sich noch mehr davon überzeugt haben, wie dieses Spiel Gewandtheit und Ausdauer, blitzschnelles Erfassen der Sache und augenblickliches Handeln erfordert, deshalb ausbildet.

Fußball ist das eine von den 3 hauptsächlichen Spielen in England, die beiden anderen sind Cricket (nicht zu verwechseln mit Croquet) und Lawn-Tennis. „In einem dieser 3 etwas Tüchtiges zu leisten, gilt in England als Ehrensache. Diese Spiele gerathen aber mit der verlebten Jugendzeit nicht in Vergessenheit, sondern werden auch weiterhin von Studenten, Kaufleuten und Männern aller Stände hochgehalten und bis ins Alter hinein gespielt. Mag auch in England bei diesen Spielen und besonders bei den großartigen matches (Wettkämpfen) einige Sportsucht und sonstiges Verkehrte mit unterlaufen, im allgemeinen ist diese Erscheinung, dass alle Stände in allen Lebensaltern sich an den kräftigenden Spielen erfreuen, als eine sehr glückliche Richtung des englischen Volksleben zu bezeichnen denn ihr Ergebniß ist ein gesunder Geist in einem gesundem Körper“ (Raydt)

Spielnotiz aus "Spiel und Sport"

Der Engländer hat das Spiel, der Deutsche das Turnen. Dabei ist die Eigenthümlichkeit zu beobachten, daß viel mehr Engländer spielen, als Deutsche turnen. Das liegt mit daran, daß das Spiel die körperlichen Uebungen in der Anwendung bringt und das erforderliche Zusammenwirken mehrerer den Geselligkeitstrieb befriedigt. Das Spiel soll der Deutsche noch zu seinem Turnen hinzunehmen; es soll nicht etwa das Turnen verdrängen oder ersetzen: müsste man zwischen beidem wählen, man müsste sich zweifellos für das Turnen entscheiden, denn das Turnen bildet die ebenmäßigere Form und die größere Kraft; aber ein Ganzes der körperlichen Ausbildung gewährt erst beides. Es sind nicht viele Jahre her, da erschien den Engländern das Turnen noch eine Kinderei (die größte der englischen Staatsschulen, Eton, mit einer Schülerzahl von über 1200, ist bis heute noch ohne Turnhalle; die größte Londoner Schule, St. Paul’s School, besitzt eine solche seit 1891); aber noch weniger Jahre sind es her, daß man in Deutschland angefangen hat, nicht mehr die englische Art in demselben Sinne aufzufassen. Jetzt ist jedes der beiden Völker dabei, die besondere Uebungsform des anderen Volkes ergänzend hinzuzunehmen. In England sind Deutsche die Lehrmeister, in Deutschland Engländer. Das ist naturgemäß; aber ebenso muß es, von unparteiischem Standpunkte aus gesehen, als ein gesundes Zeichen gelten, dass man da wie dort bemüht ist, die zunächst fremde Sache dem eigenen Geschmacke anzupassen. „Denn niemals kann eine derartige Bewegung allgemein gültig werden, wenn sie nicht vollkommen national ist. In Deutschland geht es mit der Entwicklung schneller als in England, weil die Regierung sich der Sache annimmt, während im Vereinigten Königreiche die Regierung zu sehr mit Parteiangelegenheiten beschäftigt ist, um solchen rein sozialen Bestrebungen hilfreiche Hand zu leisthen.“ (Wünnenberg)

Wir meinen, daß in Deutschland kein Ort besser geeignet ist, diesen Bestrebungen ausreichende Basis zu erschaffen als Jena: Jena ist ein Ort, wo man unbefangen urteilt, wo man in dem prächtigen Naturparke der Saaleaue Raum genug hat, wo aber auch Einwohner zu finden sind, bereit, ein gemeinnütziges Unternehmen von solcher Bedeutung finanziell zu unterstützen."

Zeitschrift "Spiel und Sport" über das erste öffentliche Fußballspiel[2]

Scan des Artikels in "Spiel und Sport" über das erste öffentliche Fußballspiel in Jena

Am letzten Sonntag führte die allzeit kampflustige Spielvereinigung im Allgemeinen Turnverein zu Leipzig der Weg nach dem schönen Musenstädtchen Jena. Der Fussballverein zu Jena hatte die Spielvereinigung zu einem freundschaftlichen Wettspiel eingeladen, und nun zogen siefrühzeitig wohlgemut dahin die wetterharten Mannen der Spielvereinigung, und liessen sich ihre frohe Laune und ihren guten Mut nicht trüben durch den zu erwartenden zwar nicht blutigen, aber voraussichtlich „nassen Kampf, denn schon seit 3 Tagen lebt man in einem entschieden etwas feuchten Klima. Der viel geschmähte Herrgott hatte jedoch offenbar eine bessere Meinung von uns, als die meisten unserer gruppe von ihm, denn nur wenige von ihnen fanden sich ermutigt unserer wackeren 1. Mannschaft das Geleit zu geben. Wir dürfen verraten dass wir mit guten Hoffnungen nach Jena gingen, um, wenn vielleicht auch nicht als Sieger heimzukehren, so doch jedenfalls mit Ehre zu bestehen, und um durch das Wettspiel zur Verbreitung der guten Sache beizutragen. Wir waren uns im Voraus klar darüber, dass wir vollwertige Gegner finden würden, befanden sich doch fünf thatkräftige Englishmen unter ihnen, bei welchem Bewusstsein Manchem von uns trübe Ahnungen beschleichen mochten, wenn er der virtuosen Fussballer vom Wettspiel mit dem Englischen Fußballclub Berlin, gedachten.

Das Spiel begann um 5 Uhr und bestand aus 2 Gängen a ¾ Stunde. Die Leipziger Turner in ihrer wohlgefälligen, schlichten Spieltracht, stellten ehrlich ihren Mann und bedrängten gar oft das feindliche Mal. Der Jenaer Fußballverein glänzte jedoch nicht minder in seiner Spieltüchtigkeit, und so gelang es den Leipzigern trotz guten Zusammenspiels nur ein Mal während der ersten Spielzeit zu gewinnen. Nach Malwechsel entbrannte der Kampf noch heftiger, auf beiden Seiten tat man sein Bestes und manche hervorragende Leistung wurde von der zahlreichen Zuschauermenge angestaunt. Wohl hatten die Hinterleute der Spielvereinigung mach harten Strass mit den wild hervorbrechenden Stürmern der Gegner zu bestehen, doch konnte es keine Partei zu einem weiteren Erfolg bringen. Das Wettspiel endigte mit einem Sieg der Spielvereinigung mit 1:0.

Der Jenaer Fußballverein rekrutierte seine Mitglieder durchgängig aus dem gelehrten Stande, und befinden sich die Spieler zum guten Teil schon im vorgerückten Alter.

Auf dem folgenden, sehr animierten Commers schwirrte es nur so in der Luft: Herr Doctor! Herr Professor! Professor! Doctor!“ Nichts wurde vergessen, was eines Trinkspruches wert war, in dankbarer Anerkennung wurde sogar auf das einsichtsvolle Wetter ein „Salamander gerieben.“ Hoch! Hurra! Gut Heil! Tönte es abwechselnd durch die festlichen Räume, welche wir schnell lieb gewonnen hatten, und welche wir nun leider viel zu früh verlassen mussten, da wir am selben Abend zurückfahren wollten.

Der für uns in jeder Beziehung genussreiche und angenehme Tag wird uns noch lange an die liebenswürdigen und wackeren Jenenser erinnern.

Gut Heil dem wackeren Jenaer Fussballverein! Und auf Wiedersehen in Leipzig.

Zeitschrift "Spiel und Sport" über ein weiteres öffentliches Fußballspiel in Jena

In der Ausgabe vom 9. September 1893 ist zu finden:

Am Dienstag, den 22. August, fand ein Wettspiel zwischen dem Jena F.C. und den englischen Passanten zu Jena statt. Das Match resultierte in einem Siege für die Engländer mit 4 Goals zu 0. Jena hatte lange nicht seine beste Mannschaft gestellt, da die besten Mitglieder während der Ferien verreist waren; wenn dieselben gespielt hätten, würden die Engländer nicht so leicht gesiegt haben. Das Spiel war sehr lebhaft und für die Zuschauer höchst interessant. Die Jenaer backs taugten nicht viel, und nach half-time musste man, das das Spiel 3 zu 0 stand, einen Stürmer als Markmann stellen. Das Zusammenspiel der Engländer war sehr gut, und sie waren, was Stürmer und Malmänner anbetrifft, weit überlegen. Die Jenaer dürfen den Mut nicht sinken lassen; ihr Club ist noch sehr jung, jedoch ist gutes Material vorhanden, aber vor allen Dingen müssen sie die Kunst des Zusammenspiels und recht fleissig Goeltreten üben.

Jenaer Regeln

Am 1. Januar 1896 gab der Jenaer Fußballverein ein Regelheft heraus, welches als erstes im Deutschen Kaiserreich die allgemein gültigen Fußballregeln auflistete. Diese Regeln sind bis heute im FIFA-Regelwerk vorhanden und gehören zu den ältesten Regeln weltweit. Der bekannteste Abschnitt „Der Spielplatz soll von Bäumen und Sträuchern frei, möglichst eben und mit niedrigem Gras bewachsen sein.“ rührte von der ersten Spielstätte in der Oberau, deren Wiesen als Überschwemmungsgebiet der Saale dienten und mit Bäumen und Sträuchern bewachsen waren.

Auszüge aus den originalen Bestimmungen des Fußballvereins zu Jena - Zugleich eine Anleitung zur Erlernung des "Fußballspieles ohne Aufnehmen des Balles" (Association) von 1893.


Anmerkungen

  1. Jenaische Zeitung vom 8. August 1893 und Lölke, Jörg: Fußball als Bahnbrecher für Jena zur Sportstadt. In: OTZ vom 11. November 1992
  2. 2,0 2,1 transkribiert von Moritz Schumann